Wie ein Ex-Altach-Kicker die Pandemie in New York erlebt

Sport / 05.04.2020 • 06:00 Uhr
Wie ein Ex-Altach-Kicker die Pandemie in New York erlebt
Ismael Tajouri erlebt die drastische Coronavirus-Krise in New York hautnah mit. APA

Ismael Tajouri spielte für knapp zwei Jahre beim SCR Altach. Heute lebt er im Epizentrum der Coronavirus-Krise in den USA.

New York Seit Jänner 2018 weilt der ehemalige Altacher Flügelflitzer Ismael Tajouri nun schon im „Big Apple“. Dort kickt der mittlerweile 26-Jährige für New York City FC in der Major Soccer League (MLS). Und konnte bis dato alle Vorzüge der Millionenmetropole genießen. Dass er die „Stadt, die niemals schläft“ jemals beinahe mucksmäuschenstill erleben würde, wäre dem Doppelstaatsbürger von Libyen und Österreich nicht einmal in einem Albtraum eingefallen. Das Coronavirus hält die Weltstadt (8,4 Millionen Einwohner) seit knapp zwei Wochen fest im Griff.

Herr Tajouri, wie geht es Ihnen angesichts der drastischen Umstände?

Tajouri Es geht mir persönlich gut, bin nicht infiziert. Aber seit zwei Wochen lebe ich, wie alle Menschen in New York, in einer unwirklichen Welt. Ich halte mich an die Vorgaben der Regierung, gehe so wenig als möglich ins Freie, habe keinen körperlichen Kontakt zu Mitmenschen, wasche meine Hände und hoffe, dass diese Krise bald vorbei ist. Mittlerweile habe ich die Situation akzeptiert. Zu Beginn dauerte es, das alles zu realisieren.

Wie erleben Sie New York gerade, was herrscht für eine Stimmung?

Tajouri Es ist leise. Wenn man das von New York behauptet, ist das an sich schon sehr komisch. Denn die Stadt schläft bekanntlich nie. Jetzt ist gar nichts los. Es sind wenige Menschen auf den Straßen unterwegs. Manchmal ist es sogar gespenstisch. Es ist einfach sehr traurig, New York so zu erleben. Das Lauteste am Tag ist das Klatschen der Menschen aus ihren Fenstern heraus, wenn sie den Hilfskräften, die mit vollstem Einsatz gegen das Coronavirus kämpfen, ihren Respekt zollen. Zudem spürt man, dass man hier noch lange nicht über dem Berg ist. Denn in den nächsten zwei Wochen soll eine richtige Virus-Welle auf die Stadt zurollen.

Wie schaut ihr Tagesablauf aktuell aus?

” Manchmal ist es sogar gespenstisch. Es ist einfach sehr traurig, New York so zu erleben”

Ismael Tajouri, Spieler New York City

Tajouri Der ist wohl dem jedes Sportlers auf der Welt gerade sehr ähnlich. Schlafen, essen, trainieren und wieder schlafen – alles zu Hause. Dazu lebe ich alleine, meine Familie ist in Ägypten.

Schon langweilig?

Tajouri Nein, ich habe mich mit der Situation arrangiert, bin mir meiner Vorbildfunktion als New-York-City-Spieler bewusst. Ich muss zu Hause bleiben und darf keinen Kontakt zu Kollegen oder Freunden haben. Der Klub hat uns Trainingsutensilien zur Verfügung gestellt, die werden jetzt malträtiert. Zwischendurch stehe ich mit meinem Team und den Trainern per Videokonferenz in Kontakt. Es gibt also schon was zu erledigen.

Wer sorgt jetzt für die Mahlzeiten?

Tajouri Das war schon ein Thema. Denn bei Normalbetrieb bin ich den ganzen Tag im Trainingszentrum vom Klub, dort wird uns Frühstück und Mittagessen kredenzt. Am Abend hat man dann schon mal die riesengroße kulinarische Auswahl der Stadt genossen. Aber jetzt koche ich selbst. Und ich bin draufgekommen, dass mir das sehr gefällt. Ich versuche so gesund als möglich zu essen. Das ist mir aktuell schon sehr wichtig.

Wie groß sind denn die Sorgen Ihrer Familie um Ihr Befinden ?

Tajouri Im ersten Moment, als klar wurde, dass es New York hart treffen würde, waren die Sorgen schon groß. Aber wir haben alle keine Panik geschoben, sind ruhig geblieben und ich befolge ja die Maßnahmen. Dazu gibt mir mein Klub ein sehr sicheres Gefühl. So arbeite ich täglich mit den Physios des Vereins per Video meine Gesundheits-Checkliste ab – ob ich Fieber oder etwaige Symptome habe.

Was bedeutet Ihnen New York mittlerweile?

Tajouri Seit meiner Ankunft hier fühle ich mich sowohl privat als auch sportlich toll aufgehoben. Ich habe die Stadt lieben gelernt, daher fühle ich mit dem Schmerz der New Yorker mit. Ich bin ja familiär vorbelastet, bin gefühlt schon immer ein Weltenbummler gewesen und habe mich überall schnell anpassen können. Deshalb: Ich habe mehrere Heimaten. Libyen, Ägypten, Wien und eben jetzt New York.

Anders wäre ihre persönliche Karrieretour von Altach über Wien nach New York wohl unter die Rubrik „Kulturschock“ gefallen.

Tajouri Anfangs war ich natürlich schon überwältigt von der Stadt. Aber von Tag zu Tag bin ich hier rein gewachsen. Was auch sicher mit der sportlichen Entwicklung zu tun hat.

Sie haben sofort Fuß gefasst beim FC New York.

Tajouri Ja, da machte es mir der damalige Trainer Patrick Vieira wirklich leicht. Weil wir beim FC New York genau den Fußball spielen, den ich bevorzuge – nämlich viel Ballbesitz.

Wie schaut denn ihr Kontakt nach Altach aus?

Tajouri Ich stehe in Verbindung mit Louis Mahopp, der mich früher wie seinen Sohn behandelt hat. Aber nicht nur wegen Louis wird mir der SCR Altach immer am Herzen liegen. Dieser Klub und Trainer Damir Canadi haben mir die Chance als Profi gegeben. Das war der wohl wichtigste Schritt in meiner Karriere – der mich bis nach New York brachte.

Fussball

Ismael Tajouri-Shradi

Der ehemalige Spieler des SCR Altach lebt schon seit zwei Jahren im „Big Apple“ New York.

Geboren 28. März 1994

Geburtsort Bern (Sui)

Nationalität Libyen, Österreich (seit 2016)

Laufbahn Austria Wien Jugend, Austria Wien (2013/14), SCR Altach (Leihe 2014/15), Austria Wien (2015), SCR Altach (Leihe 2015/16), Austria Wien (2016-2018), FC New York (seit Jänner 2018)

Position Linksaußen, offensives Mittelfeld