Eine barmherzige Schwester

Die Industrialisierung im 19. Jahrhundert führte zu einer nie dagewesenen Vereinfachung und damit Verbilligung und Steigerung der Warenproduktion. In ihrem Gefolge aber zeigten sich tiefgreifende demografische und soziale Verwerfungen, die sich den sensibleren Zeitgenossen als die „soziale Frage“ stellten. Das gesamte gesellschaftliche Gefüge war ins Rutschen gekommen. Kleinbäuerliche Familien aus den ärmsten Regionen suchten in den Fabriken Arbeit und Auskommen. Durch ihre Abwanderung aus dem Schutz der dörflichen Gemeinschaft waren sie der unternehmerischen Willkür und konjunkturellen Schwankungen ausgesetzt und ohne soziales Netz. Das neue und erfolgreiche Wirtschaften war also begleitet von materieller Not und sozialer Verwahrlosung der Arbeiterschaft sowie von gesundheitlicher Schädigung durch die Arbeits- und Wohnverhältnisse.
Die Lösung dieser sozialen Frage stand denn auch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Zentrum der politischen Auseinandersetzungen und wurde zu einer wesentlichen Trennlinie zwischen den entstehenden Parteien. Während die sozialistisch Orientierten in einer Vergesellschaftung der Produktionsmittel den einzigen Weg sahen, die Arbeiterschaft aus ihrer Misere zu befreien, setzten die Liberalen, die Akteure und Profiteure des Industriezeitalters, auf den individuellen Aufstieg, der in ihrem Weltbild durch Bildung und Anstrengung zu erreichen war. Die christliche Soziallehre dagegen forderte einen gerechten Ausgleich zwischen Kapital und Arbeit, einen Interessenausgleich, der aber die hierarchischen Verhältnisse nicht angreifen sollte. Für die Ärmsten der Armen sollten Werke christlicher Barmherzigkeit ein letztes Auffangnetz bilden. Neben Laienorganisationen widmeten sich vornehmlich katholische Frauenorden jenen Menschen, die einer stützenden oder pflegerischen Hilfe bedurften. Besonders die Kommunen, die für eine Mindestsorge gegenüber ihren Gemeindeangehörigen verantwortlich waren, profitierten von der Selbstlosigkeit der Ordensfrauen. Ihre Arbeitsleistung in Spitälern, Armenhäusern, Schulen und anderen Hilfseinrichtungen war aufopfernd und billig und deshalb begehrt.
Einer dieser Frauenorden war die Kongregation der Barmherzigen Schwestern vom hl. Vinzenz von Paul, die 1839 in Innsbruck einen österreichischen Ableger gründete. Nach der Jahrhundertmitte entstand neben Innsbruck-Kettenbrücke in Zams noch ein zweites Mutterhaus dieer Ordensgemeinschaft. Um 1900 unterhielt das Innsbrucker Mutterhaus 136 Filialen in den Diözesen Brixen, Trient und Görz und zählte gut 1200 Schwestern. Davon befanden sich 44 Filialen mit 240 Schwestern in Vorarlberg. Geleitet wurde die Kongregation von einer Generaloberin, die von den Oberinnen der Filialhäuser gewählt wurde. 1907 fiel die Wahl auf Schwester Elisabeth Rhomberg.
Die neue Generaloberin wurde 1859 als Anna Rhomberg in Dornbirn geboren. Ihre Eltern Jakob Rhomberg und Franziska Ratz gehörten der Dornbirner Oberschicht an; der Vater betrieb ein Handelsgeschäft am Marktplatz. Die Mutter war das siebte von insgesamt 18 Kindern des Dornbirner Landrichters und späteren Landesgerichtspräsidenten und Reichstagsabgeordneten Johann Kaspar Ratz, der 1855 in den Adelsstand erhoben wurde. Jakob Rhomberg scheint ein umtriebiger Unternehmer gewesen zu sein: Zu seiner Warenhandlung erwarb er neben etlichen Grundstücken eine mechanische Weberei in Hohenems und eine Ziegelei mit umfangreichen Wasserrechten im Dornbirner Ortsteil Schmelzhütte. Daneben aber galt er auch als ein ungewöhnlicher Menschenfreund. So wurden beispielsweise jährlich zu Schulbeginn etwa 15 Hohenemser Kinder auf seine Kosten „von Kopf bis Fuß“ neu eingekleidet.
Wie andere Vorarlberger Fabrikanten präsentierte auch Rhomberg auf der Wiener Weltausstellung im Jahr 1873 seine textilen Produkte und wurde dafür prämiert. In Wien infizierte sich der 58-jährige Kaufmann mit Cholera und kam gerade noch zum Sterben im Oktober 1873 nach Hause. Zu diesem Zeitpunkt hatte seine Tochter Anna die Pflichtschule abgeschlossen und dürfte danach noch eine höhere Töchter Ausbildung erhalten haben, ehe sie in Haus und Geschäft mitzuhelfen begann. Jedenfalls wurde ihr späteres Verhandlungsgeschick gerühmt, da sie „dank ihrer hohen Intelligenz und Bildung zwanglos in den höchsten Kreisen verkehren konnte“. Obwohl die gebildete junge Frau aus wohlhabendem Hause eine begehrte Ehefrau gewesen wäre, entschied sie sich 22-jährig für einen anderen Lebensweg. Sie trat 1881 in die Innsbrucker Kongregation der Barmherzigen Schwestern ein und legte 1884 die Ordensgelübde ab. Für diese Entscheidung mag auch das Vorbild ihrer Verwandten Anna Maria Rhomberg mitgespielt haben, die 1873 als erste Dornbirnerin den Vinzentinerinnen von Innsbruck beigetreten war. Von Beginn an wirkte Elisabeth Rhomberg als Krankenschwester am Innsbrucker Allgemeinen Krankenhaus. Weil sie sich hier nicht nur als umsichtige Pflegerin, sondern auch als weitblickende Organisatorin bewährte, wurde sie bereits nach wenigen Jahren zur Oberin bestellt. In diesem Amt habe sie – so eine Innsbrucker Zeitung –„ob ihres liebevollen Wesens und umsichtigen, tatkräftigen Wirkens großes Ansehen“ erworben. Diese letztere Eigenschaft wird auch dafür mitentscheidend gewesen sein, dass Schwester Elisabeth Rhomberg 1907 vom Oberinnenkonvent zur Generaloberin gewählt wurde.
Was sie in den folgenden 16 Jahren in dieser obersten Ordensposition anstieß und umsetzte, ist bestaunenswert. Sie hat die Kongregation Kettenbrücke zu dem pflegerischen und pädagogischen Großunternehmen gemacht, das es heute noch ist. Für die katholische Lehrerinnenbildungsanstalt hat sie akademisch ausgebildetes Lehrpersonal engagiert und ordensintern herangebildet und damit das Öffentlichkeitsrecht erwirkt. Ursprünglich nur als Pflegeanstalt für die inzwischen zahlreichen alten und auch kranken Schwestern geplant, ließ Generaloberin Rhomberg 1908 ein „bürgerliches Sanatorium“ mit 150 Betten bauen, das heute eines der größten privaten Krankenhäuser in Österreich ist. Um die Ausbildung der Pflegeschwestern zu verbessern, gründete sie die Krankenpflegeschule Innsbruck und wenige Jahre später ein Heim für stellenlose Mädchen. Bei all diesen Gründungen zeigte sich das unternehmerische Talent der Dornbirnerin. Nützlich war zudem das ansehnliche Erbe, das sie in das Kloster eingebracht hatte. Bei der Finanzierung des Spitalbaus fungierte ihr Schwager Josef Ölz, Obmann der Christlichsozialen Partei und Oberdirektor der Vorarlberger Hypothekenbank, als Berater. Mit einer Gruppe von Schwestern nahm sie dann auch im Februar 1915 an dessen Beerdigung in Bregenz teil. Ansonsten versuchte die Innsbrucker Generaloberin, ihre Vorarlberg-Besuche mit eher erfreulichen Anlässen zu verbinden. Ihre Visitationen bei den Vorarlberger Filialen legte sie öfters in die Zeit um Fronleichnam, da sie gerne an Feierlichkeiten teilnahm, bei denen sie ungezwungen in Gespräche kommen konnte.
Eine besondere Herausforderung für die Kongregation bedeutete der Erste Weltkrieg. Die Schwestern hatten strapaziöse Pflegedienste in den Lazaretten zu leisten und Suppenküchen zu unterhalten. Viele Schwestern kosteten Überanstrengung und Ansteckungen mit Typhus und Cholera das Leben. Die ganzen Jahre hindurch, heißt es in einer Zeitungsmeldung, sei die Oberin ein Vorbild an „Selbstaufopferung“ gewesen. Trotz der Schwere der Spitalsarbeit nahm die Zahl der Eintritte in den Orden während der Kriegszeit zu. Viele junge Frauen sahen im Pflegedienst neben dem religiösen Aspekt auch die Erfüllung einer patriotischen Pflicht. Nach Kriegsende hatte die Generaloberin die Ordensverhältnisse den neuen politischen Realitäten anzupassen. Durch die Teilung Tirols ergab sich die Notwendigkeit, in Bozen eine eigene Ordensprovinz zu errichten.
Zum Leidwesen ihrer Mitschwestern musste Generaloberin Elisabeth Rhomberg 1923 das herausfordernde Amt abgeben. Ein neuer Passus im Kirchenrecht setzte dem Führungsamt ein zeitliches Limit. Im Sommer 1923 fiel die Wahl zur neuen Generaloberin auf Schwester Ildefonsa Gut aus Klaus. Schwester Elisabeth hatte die tüchtige Krankenschwester zuvor durch Ausbildung an verschiedenen Krankenhäusern besonders gefördert und sie zur Leiterin der Krankenpflegeschule bestellt. Beim Funktionsende der Generaloberin zählte der Orden 430 Schwestern aus Vorarlberg. Der bedeutendste Einsatzort in ihrer alten Heimat war die Valduna, wo 50 Barmherzige Schwestern mit einigen männlichen Pflegern mehrere Hundert Patienten und Patientinnen versorgten.
Nachdem sie ihrer Bürde als Gesamtverantwortliche für einen geistlichen Orden und ein großes Sozialunternehmen entledigt war, widmete sich Schwester Elisabeth Rhomberg ganz dem von ihr gegründeten Sanatorium. Bis 1929 fungierte sie als dessen Oberin, ehe sie allmählich selbst zur Patientin wurde. Trotz zunehmender Krankheit habe sie „betend und opfernd, ratend und tröstend in stiller Zuzückgezogenheit fördernden Einfluß auf die Kongregation genommen“. Auch ihren Humor, „mit dem sie jede Unterhaltung und jeden Krankenbesuch zu würzen verstand“, habe sie nicht verloren. „Die vielen Verdienste“, heißt es in ihrem Nachruf weiter, „der Wohlehrwürdigen Mutter Elisabeth, dieser großen Vorarlbergerin und echten Österreicherin, würdigte die staatliche Behörde durch Verleihung der Goldenen Verdienstmedaille.“ Am 10. Jänner 1938 verstarb die bedeutende Ordensfrau, die die Innsbrucker Kongregation viele Jahre „mit Umsicht und Klugheit“ geleitet hatte. Die Schikanen, mit denen der nationalsozialistische Gauleiter die katholischen Orden wenige Monate später zu malträtieren begann, musste sie nicht mehr erleben.
