Spanien schon länger im Terrorvisier

Vor neun Jahren verhinderte die Polizei eine Serie von Selbstmordanschlägen in der U-Bahn in Barcelona.
madrid. Spanien ist seit vielen Jahren ein wichtiges Operationsgebiet islamistischer Terroristen. Madrid war am 11. März 2004 Schauplatz des größten dschihadistisch motivierten Terroranschlags in Europa. Bei der Detonation von Bomben in vier Pendlerzügen wurden 191 Menschen getötet und mehr als 1500 verletzt. Die spanischen Sicherheitskräfte, die sich bis dahin auf den Kampf gegen den Terror der baskischen Untergrundorganisation ETA konzentriert hatten, mussten plötzlich radikal umdenken.
723 Festnahmen
Seit damals startete die Polizei nach einer Aufstellung des Innenministeriums in Spanien 220 Anti-Terror-Operationen und nahm 723 mutmaßliche Dschihadisten fest. Die Tendenz ist steigend. Allein seit Anfang 2017 gab es 36 Polizei-Aktionen dieser Art, genau so viele wie im gesamten Jahr 2016. Neben den spanischen Nordafrika-Exklaven Ceuta und Melilla gelten Katalonien und die Regionalhauptstadt Barcelona als Brennpunkte des islamistischen Terrors in Spanien. Im Jahr 2008 verhinderte die Polizei eine Serie von Selbstmordanschlägen auf die U-Bahn von Barcelona, weil die Sicherheitskräfte durch einen V-Mann Wind von den Terrorplänen bekommen hatten.
In Spanien gilt seit gut zwei Jahren die Terrorwarnstufe vier, die zweithöchste von insgesamt fünf Alarmstufen. Sie bedeutet, dass die Sicherheitskräfte die Gefahr eines Anschlags als „groß“ einschätzen. Strategisch wichtige Einrichtungen wie Flughäfen oder Bahnhöfe werden einem besonderen Schutz unterstellt. Die Regierung sah bislang von einer Anhebung auf die Warnstufe fünf ab. Diese hätte auch eine Einbeziehung des Militärs in die Sicherheitsvorkehrungen zur Folge.
„Barcelona ist in den letzten Jahren zu einer großen Sorge für die Sicherheitskräfte geworden“, berichtete die Zeitung „El País“ unter Berufung auf die Statistiken des Ministeriums. „Im Großraum um die Stadt gab es seit 2012 insgesamt 30 antiislamistische Polizei-Aktionen mit 62 Festnahmen, mehr als in jeder anderen Provinz des Landes.“
Ministerium warnte
Das spanische Innenministerium und die Polizeiführung haben die Verantwortlichen in Barcelona angeblich schon vor Monaten vor der Gefahr eines Terroranschlags auf der Flaniermeile Las Ramblas gewarnt. Die Stadtverwaltung sei der Empfehlung, Poller an den Rändern des Boulevards aufzustellen, aber nicht gefolgt, berichtete die spanische Presse am Freitag übereinstimmend. Die Stadtoberen hätten stattdessen entschieden, die Polizeipatrouillen auf den Ramblas zu verstärken.
Die Empfehlung hatte das Ministerium in Madrid aufgrund der Erfahrungen bei den Anschlägen in den Städten Nizza und Berlin ausgesprochen, bei denen Terroristen bereits mit Lastwagen in Menschenmengen gerast waren. Die Stadtverwaltung von Barcelona wies demgegenüber Medienberichten zufolge darauf hin, dass es praktisch unmöglich sei, den Boulevard komplett mit Pollern abzusichern. Immer müsse die Straße für Einsätze der Feuerwehr offen bleiben. Die Bürgermeisterin der katalanischen Metropole, Ada Colau, wurde in der Zeitung „El País“ mit den Worten zitiert: „Eine 100-prozentige Sicherheit gibt es nicht.“
Aufruf zur „Rückeroberung“
Terrororganisationen wie Al Kaida oder Islamischer Staat (IS) riefen ihre Anhänger immer wieder dazu auf, mit Anschlägen in Spanien das Land für die Muslime „zurückzuerobern“. Dabei verweisen sie gerne darauf, dass weite Teile der Iberischen Halbinsel im Mittelalter mehrere Jahrhunderte lang unter maurisch-islamischer Herrschaft gestanden hatten. Von der baskischen Untergrundorganisation ETA geht heutzutage praktisch keine Gefahr mehr aus. Sie hatte im Jahr 2011 einen „definitiven Gewaltverzicht“ erklärt. Seit damals kam es zu keinen Anschlägen mehr von ihrer Seite.