Wie ein Achttausender in der Kulturlandschaft

Bundespräsident Alexander Van der Bellen eröffnete die 72. Bregenzer Festspiele.
Bregenz. Bizet, Rossini, Wagner und eine überaus berührende Uraufführung: Kulturminister Thomas Drozda war sich schon im Rahmen des Festaktes am gestrigen Vormittag sicher, dass uns die heurigen Bregenzer Festspiele künstlerisch erfreuen werden: „Sie sind ein Achttausender in der österreichischen Kulturlandschaft“, hievte er das Kulturunternehmen unter der künstlerischen Leitung von Intendantin Elisabeth Sobotka unter das Spitzenangebot im Land. Fest machte er die hohe Bewertung an der Tatsache, dass mit Produktionen wie „Moses in Ägypten“, Konzert- und Literaturprogrammen oder dem Gastspiel „The Situation“ von Yael Ronen „mutig Themen wie Flucht und Exodus“ aufgegriffen werden.
„Die Art und Weise, wie wir mit den ankommenden Menschen umgehen, wie wir über sie reden, was wir schreiben und berichten, sagt viel über uns aus. Über uns als Gemeinschaft, über uns als Bürgerinnen und Bürger und über den Grad der Zivilität unserer Demokratie.“ Er sei sich bewusst, unter welchem Druck Europa angesichts einer krisenanfälligen globalisierten Wirtschaft stehe, dass Krieg und Armut immer mehr Menschen in Bewegung setze und der Terror mittlerweile auch europäische Städte treffe. Dennoch sei das Erstarken der Demagogie und des Populismus besorgniserregend, betonte er und sah sich im spontan applaudierenden Publikum in seiner Meinung bestärkt, dass „wir mit großer Achtsamkeit, scharfem Verstand und Augenmaß“ unsere Demokratie sowohl vor religiösem als auch vor linkem oder rechtem Extremismus schützen müssen: „Da sind wir gemeinsam gefordert, für Freiheit und Rechtsstaat einzutreten.“
Zusammenhalt in Europa
In seiner ersten Eröffnungsrede im Rahmen der Bregenzer Festspiele lieferte Bundespräsident Alexander Van der Bellen – mit einer kleinen Bemerkung, dass es keine Rede-Absprachen mit dem für die Kunst zuständigen Regierungsmitglied gegeben habe – eine Zusammenfassung des Gesagten: „Umso wichtiger ist und wird ein eindeutiger, starker Zusammenhalt in der Europäischen Union.“
Ein weiterer Szenenapplaus lenkte die Aufmerksamkeit auf die künstlerischen Darbietungen, denn nach der Begrüßung von Festspiele-Präsident Hans-Peter Metzler waren es die Künstler selbst, die die Festspiele repräsentierten. Lena Belkina, eine der drei Carmen auf der Seebühne, machte mit der Originalversion der Habanera deutlich, dass Bizet ursprünglich keinen Hit verfasst hatte, aber eine Arie, die eine große Stimme verlangt. Die Tänzer, die in „Carmen“ für Kulinarik, aber auch Tragik sorgen, übertrugen die Stimmung fulminant ins Festspielhaus. Vor ihnen das überraschte Publikum, hinter ihnen die Wiener Symphoniker, die unter der Leitung von Jordan de Souza, Enrique Mazzola und Hartmut Keil wiederum verdeutlichten, warum sie das Publikum in Bregenz so sehr schätzt. Clarissa Costanzo und Sunnyboy Dladla ließen Belcanto hören, während das Theater Kollektiv „Hotel Modern“ mit Puppen und Kameras erläuterte, wie die Handlung von Rossinis „Moses in Ägypten“ überhaupt zu bewältigen ist. Höchst qualitätsvoll hat die Hommage an Ernst Binder, den verstorbenen Librettisten von „To the Lighthouse“, durch Zesses Seglias berührt. Dazu noch Mozart und Wagner: Die Festspiele können beginnen.





