Sagenhafter Angriff auf die Wahrheit

Spezial / 18.06.2017 • 17:27 Uhr
Peter Welchering, Journalist.
Peter Welchering, Journalist.

Es war einmal ein Mädchen. 13 Jahre alt, aus Berlin, Probleme in der Schule und Angst, dies den Eltern zu erzählen. Eines Tages kam Lisa nach der Schule nicht nach Hause, am Tag darauf tauchte sie wieder auf. So weit, so gewöhnlich. Das Mädchen behalf sich mit einer Lüge: Drei Unbekannte hätten sie entführt, die ganze Nacht festgehalten und vergewaltigt. Südländer. Für Teile der Bevölkerung stand fest: Das müssen Flüchtlinge gewesen sein. Das Gerücht, kombiniert mit Lisas Herkunft – Russland – und Politik, führte zu Demonstrationen, zu einem Angriff auf ein Asylheim und zu diplomatischen Spannungen. Lisa übernachtete eigentlich bei einem Freund. Fake News sind mächtig.

Fake News! Ein Begriff, der sich spätestens seit Donald Trump in die Hirnrinde der Allgemeinheit eingebrannt hat. „Ich rate dazu, diesen Begriff, so weit es geht, zu vermeiden. Ich selbst kenne ihn erst seit dem Vorjahr. Wir haben viele gute Begriffe für Falschmeldungen aller Art. Hoax, Fake, urbane Legenden, Enten, bewusste Desinformation“, betont Andre Wolf. Er ist Teil des Teams von Mimikama. Die Gruppe hat sich darauf spezialisiert, Falschmeldungen zu untersuchen und zu widerlegen. Bis zu 150 Meldungen erhält Mimikama. Pro Tag. Den Fall Lisa bezeichnet Wolf als Hybrid-Fake: Aus einem echten Erlebnis wird eine falsche Meldung konstruiert, oder zumindest extrem tendenziös darüber berichtet.

Es war einmal eine Gruppe von Redakteuren, die über Protokolle der Weisen von Zion schrieb. Sie erzählen von einem Treffen jüdischer Weltverschwörer, was die Londoner „Times“ bereits 1921 als Fälschung entlarvt hatte. In der Zwischenkriegszeit verbreitete sich dieses antisemitische Pamphlet dennoch – auch heute glauben manche Kreise an deren Wahrhaftigkeit. Fake News sind beharrlich.

Verschwörungstheorien sind oft in sich schlüssig und wappnen sich schon gegen ihre Wiederlegung. Wolf verweist auf die satirische „Bielefeldverschwörung“. Demnach existiert Bielefeld nicht, und jeder, der etwas anderes behauptet, hat eine Gehirnwäsche hinter sich. Wolf schildert: „Kürzlich hat uns ein Blog angegriffen, weil wir uns einem Artikel zur vermeintlichen Inexistenz von Masernviren gewidmet haben.“ Auf einen Kleinkrieg mit Verschwörungstheoretikern will sich Mimikama nicht einlassen. Allerdings kämpft das Team mit Drohungen und Verleumdungen. Einmal stand der Verfassungsschutz im Büro und suchte ein Waffenlager.

Es war einmal Edgar Allan Poe. Er veröffentlichte am 13. April 1844 in der „New York Sun“ eine Geschichte über Monck Mason, der mit einem Gasballon in 75 Stunden den Atlantik überquerte. Viele Zeitungen druckten die Geschichten ab. Bloß: Sie war komplett erfunden. Fake News sind schwer durchschaubar.

Manchmal gehen auch seriöse Medien auf den Leim. Facebook, Twitter und Co. bergen neue Gefahren, schildert Wolf: „Medien versuchen mitzuhalten. Aber Twitter wird immer schneller bleiben.“ Mit der Digitalisierung hat sich nicht nur die Zahl der Falschmeldungen vervielfacht. Sogenannte Bots – also Programme – versuchen, Relevanz vorzutäuschen. Jemand, der sich mit diesem Phänomen beschäftigt hat, ist Peter Welchering. Er ist deutscher Journalist, regelmäßiger Gast im Computerklub und Erfinder des Begriffs „Bundes­trojaner“. Welchering widmete sich dem amerikanischen Wahlkampf. „Trumps Schwiegersohn Jared Kushner betrieb politisches digitales Direktmarketing.“ Er habe Leaks (veröffentlichte geheime Informationen) genutzt, und daraus eine Falschmeldung konstruiert. Mit Datenanalysen hat Kushner deren Empfänger ermittelt. Dann kamen „Social Bots“ ins Spiel. Sie liken, retweeten und kommentieren Meldungen. Facebook glaubt dadurch, die Nachricht sei wichtig und verbreitet sie. „Manchmal meinen sogar Journalisten, eine Nachricht mit vielen Likes sei automatisch relevant“, erläutert Welchering. Auch in Europa wird mit Bots gearbeitet. „Botswatch“ hat festgestellt, dass bei der Landtagswahl in Schleswig-Holstein um 18.35 Uhr 722 Social-Bots etwas zur Wahl gepostet haben. 16,85 Prozent aller Tweets mit dem Hashtag stammten von Robotern.

Es war einmal eine spanische Frau, die 28 Jahre lang vorgetäuscht hat, blind zu sein. Was für eine Story! Viele schrieben ab, Ö24 etwa: „Gegenüber dem spanischen Nachrichtenportal ,Hay Noticia‘ rechtfertigte sich Jimenez folgendermaßen: ‚Ich wollte einfach keine Menschen mehr sehen und stehen bleiben, um sie zu grüßen. Ich war nie sehr sozial.‘“ Mimikama machte sich schlau, und voilà: Hay Noticia ist eine Satireseite. Fake News sind verlockend.

Darum geht es vielen Portalen: Klicks, Klicks, Klicks. Welchering erläutert: „Falschmeldungen skandalisieren, emotionalisieren und wir möchten wissen, wie es weitergeht.“ Je nach Aktualität ändern sich Inhalt und Verbreitung. In Zeiten fehlender politischer Dispute erfreuen sich Kettenbriefe guter Konjunktur. 2015 wurde der Ton rauer, viele Falschmeldungen mit Flüchtlingen machten die Runde. Mittlerweile stehe der Islam im Vordergrund, sagt Wolf. Eine Taktik: Jahrealte Meldungen werden ohne Datum erneut gepostet.

Fake News: alte Phänomene unter neuen Vorzeichen. Auch die Gesellschaft muss sich anpassen. Einerseits die Medien, wie Welchering fordert: „Journalisten müssen auch auf Twitter und Facebook die Quelle hinterfragen.“ Und Wolf nimmt die Schulen in die Pflicht: „Dort muss Medienkompetenz gelehrt werden: Wie kann ich Quellen überprüfen? Welche sind zuverlässig?“

Whatsapp für Kettenbriefe, Facebook für Flugblätter, Blogs für Desinformation. Falschnachrichten hat es unter Herodot gegeben, im Römischen Reich, im Mittelalter. Edgar Allan Poe, Zion, Verschwörungen, Massenvernichtungswaffen, um in den Irakkrieg einzumarschieren. Die Austrian Presse Agentur (Apa) entstand nach einer Falschmeldung über die Schlacht von Magenta im Juni 1859. Mimikama wurde vor sieben Jahren geboren, als der Gründer auf eine Abofalle bei „Farmville“ reinfiel. Fake News gab es, gibt es, und wenn sie nicht gestorben sind, dann fälschen sie auch morgen.

Es gibt viele Begriffe, um das Phänomen zu beschreiben, etwa Hoax, urbane Legenden, Enten, Desinformation.

Andre Wolf, Mimikama
. . . als Begriff zur Diskreditierung von JournalistenDer Begriff Fake News scheint „sauberer“ und weniger ideologisch behaftet zu sein, als die Bezeichnung „Lügenpresse“. Er wird unter anderem von Politikern verwendet, die bei unliebsamer Berichterstattung der Glaubwürdigkeit von klassischen Medien schaden wollen.BeispieleUS-Präsident Donald Trump auf Twitter: „The FAKE NEWS media (failing @nytimes, @NBCNews, @ABC, @CBS, @CNN) is not my enemy, it is the enemy of the American People.”ÖVP-Innenminister Wolfgang Sobotka über die Berichterstattung des „Falters“ zur „Pröll-Stiftung“: „Es ist nichts anderes als Fake News vom ,Falter‘“, welcher seit 2009 versuche, „in Form von Dirty Campaigning anzupatzen“. Bei der Pröll-Stiftung – deren Auflösung in der Zwischenzeit beschlossen wurde - handle es sich um eine gemeinnützige Stiftung. Jede Förderung werde überprüft.

. . . als Begriff zur
Diskreditierung
von Journalisten

Der Begriff Fake News scheint „sauberer“ und weniger ideologisch behaftet zu sein, als die Bezeichnung „Lügenpresse“. Er wird unter anderem von Politikern verwendet, die bei unliebsamer Berichterstattung der Glaubwürdigkeit von klassischen Medien schaden wollen.

Beispiele

US-Präsident Donald Trump auf Twitter: „The FAKE NEWS media (failing @nytimes, @NBCNews, @ABC, @CBS, @CNN) is not my enemy, it is the enemy of the American People.”

ÖVP-Innenminister Wolfgang Sobotka über die Berichterstattung des „Falters“ zur „Pröll-Stiftung“: „Es ist nichts anderes als Fake News vom ,Falter‘“, welcher seit 2009 versuche, „in Form von Dirty Campaigning anzupatzen“. Bei der Pröll-Stiftung – deren Auflösung in der Zwischenzeit beschlossen wurde – handle es sich um eine gemeinnützige Stiftung. Jede Förderung werde überprüft.

. . . als gewinnbringendes Mittel, Verbreitung aus ökonomischen GründenViele Unternehmen und Onlinekollektive versuchen aus Fake News Gewinne zu erzielen. Sie wollen möglichst viele Klicks ergattern, Daten sammeln oder User in eine Abofalle treiben. Sie suchen nach Trends, um schnelles Geld zu verdienen. Menschen werden mit attraktiven Themen auf Webseiten gezogen, was wiederum Klicks und mehr Einnahmen bringt.BeispielStefan Raab hat Selbstmord begangen. Diese Fake-Meldung stammte nur scheinbar von Prosieben. Darauf hat unter anderem der Verein Mimikama aufmerksam gemacht. Klicke ein User den Link mit der Nachricht über Raab an, werde er in eine Falle geführt. Der Beitrag sei nur Aufhänger, um an private Daten der Nutzer zu kommen, die in weiterer Folge vermutlich für Spam-Nachrichten verkauft würden. Prosieben hatte nichts damit zu tun.

. . . als gewinnbringendes
Mittel, Verbreitung aus
ökonomischen Gründen

Viele Unternehmen und Onlinekollektive versuchen aus Fake News Gewinne zu erzielen. Sie wollen möglichst viele Klicks ergattern, Daten sammeln oder User in eine Abofalle treiben. Sie suchen nach Trends, um schnelles Geld zu verdienen. Menschen werden mit attraktiven Themen auf Webseiten gezogen, was wiederum Klicks und mehr Einnahmen bringt.

Beispiel

Stefan Raab hat Selbstmord begangen. Diese Fake-Meldung stammte nur scheinbar von Prosieben. Darauf hat unter anderem der Verein Mimikama aufmerksam gemacht. Klicke ein User den Link mit der Nachricht über Raab an, werde er in eine Falle geführt. Der Beitrag sei nur Aufhänger, um an private Daten der Nutzer zu kommen, die in weiterer Folge vermutlich für Spam-Nachrichten verkauft würden. Prosieben hatte nichts damit zu tun.

. . . als Instrument Zur politischen EinflussnahmeFake News werden eingesetzt, um die Stimmung in einem Land zu beeinflussen. Fake News können dafür genutzt werden, die Bevölkerung zu verunsichern (Kriminalität, Migration, etc.), politische Mitbewerber zu diskreditieren, Wahlen zu beeinflussen oder politische Entscheidungen zu legitimieren.BeispieleDie russische Webseite Sputnik hat vor der französischen Präsidentschaftswahl berichtet, dass der damalige Kandidat und heutige Staatschef Emmanuel Macron heimlich schwul sein soll. Die innenpolitische Debatte hat sich einige Tage um diese Frage gedreht. Auch unterstellte Sputnik Macron, ein US-Spion zu sein.Auf den Seiten Reddit und 4chan wurde die Fake-Nachricht verbreitet, dass die damalige US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton in einen Kinderpornoring verwickelt sei, der in einem Pizzeriakeller agiere.

. . . als Instrument
Zur politischen
Einflussnahme

Fake News werden eingesetzt, um die Stimmung in einem Land zu beeinflussen. Fake News können dafür genutzt werden, die Bevölkerung zu verunsichern (Kriminalität, Migration, etc.), politische Mitbewerber zu diskreditieren, Wahlen zu beeinflussen oder politische Entscheidungen zu legitimieren.

Beispiele

Die russische Webseite Sputnik hat vor der französischen Präsidentschaftswahl berichtet, dass der damalige Kandidat und heutige Staatschef Emmanuel Macron heimlich schwul sein soll. Die innenpolitische Debatte hat sich einige Tage um diese Frage gedreht. Auch unterstellte Sputnik Macron, ein US-Spion zu sein.

Auf den Seiten Reddit und 4chan wurde die Fake-Nachricht verbreitet, dass die damalige US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton in einen Kinderpornoring verwickelt sei, der in einem Pizzeriakeller agiere.

. . . als reine GerüchtekücheFake News treten zwar immer noch am Stammtisch auf, wechselten aber ihren Erscheinungsschwerpunkt auf soziale Medien: Gerüchte verbreiten sich über digitale Mundpropaganda. Die „Filterblase“, die das Universum des Users bestätigt, begünstigt den Erfolg von Gerüchten.BeispielEDas Gerücht, dass Asylsuchende Handys geschenkt bekommen, hielt sich sehr lange und war auch noch 2016 im Bundespräsidentschaftswahlkampf präsent. Eine Facebook-Gruppe warf der Caritas vor, teure Handys für Asylwerber zu kaufen, ähnliche Beschuldigungen trafen auch die Firma Hartlauer. Beide widerlegten.Ein Facebook-User berichtete von Flüchtlingen, die in Wien Billa- und Hofer-Filialen gestürmt haben sollen. FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache teilte diese Meldung, Hofer und Billa dementierten, Strache löschte den Post, der – laut Screenshot des „Standard“ – bereits über 5000 Mal geteilt und über 6000 Mal geliked wurde.

. . . als reine
Gerüchteküche

Fake News treten zwar immer noch am Stammtisch auf, wechselten aber ihren Erscheinungsschwerpunkt auf soziale Medien: Gerüchte verbreiten sich über digitale Mundpropaganda. Die „Filterblase“, die das Universum des Users bestätigt, begünstigt den Erfolg von Gerüchten.

BeispielE

Das Gerücht, dass Asylsuchende Handys geschenkt bekommen, hielt sich sehr lange und war auch noch 2016 im Bundespräsidentschaftswahlkampf präsent. Eine Facebook-Gruppe warf der Caritas vor, teure Handys für Asylwerber zu kaufen, ähnliche Beschuldigungen trafen auch die Firma Hartlauer. Beide widerlegten.

Ein Facebook-User berichtete von Flüchtlingen, die in Wien Billa- und Hofer-Filialen gestürmt haben sollen. FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache teilte diese Meldung, Hofer und Billa dementierten, Strache löschte den Post, der – laut Screenshot des „Standard“ – bereits über 5000 Mal geteilt und über 6000 Mal geliked wurde.