Der Professor schreibt ein zweites Mal Geschichte

Spezial / 04.12.2016 • 23:44 Uhr
Alexander Van der Bellen mit Heinz Fischer im Mai.
Alexander Van der Bellen mit Heinz Fischer im Mai.

Als Präsident will sich Van der Bellen an Heinz Fischer orientieren.

WIEN. Alexander Van der Bellen wird Bundespräsident und schreibt nicht nur grüne Parteigeschichte. Er setzt ein Signal, dass der scheinbar unaufhaltsame Vormarsch der FPÖ zumindest am Tor der Hofburg Halt machte. Der Professor bricht zudem einen internationalen Trend, der in den vergangenen Monaten vom Brexit bis hin zu Donald Trump reichte.

Das war keineswegs gesichert. Die Ausgangsposition war mit dem Ergebnis der aufgehobenen Stichwahl äußerst knapp. Die wenigen Umfragen sprachen keine deutliche Sprache. Nun konnte sich der 72-jährige Kaunertaler doch behaupten. Dafür korrigierte er zum Teil sogar sein Image. Galt Van der Bellen zuerst als eher wähler-scheu, tourte er seit dem Sommer von Volksfest zu Volksfest. Außerdem bemühte der Wirtschaftsprofessor Rainhard Fendrichs patriotisches „I am from Austria“, um die Wähler davon zu überzeugen, dass er nicht der finstere Kommunist ist, vor dem die FPÖ gewarnt hatte. Ebenso hat sich Van der Bellen – der den Freihandel grundsätzlich begrüßt – von TTIP distanziert. Beim EU-Kanada-Abkommen Ceta fand er nur schwer einen glaubwürdigen Kurs. Als Bundespräsident aber wird er dem Populismus wohl wieder abschwören. Für diesen war er schon als Grünen-Chef (1997-2008) nicht bekannt. Außerdem hat er angekündigt, sich an der Linie seines Vorgängers Heinz Fischer orientieren zu wollen. Van der Bellen wird sich damit mehr nach Brüssel ausrichten als nach den zunehmend nationalistisch geprägten Staaten Osteuropas. Gleichzeitig ist er erfahrungsgemäß pragmatisch genug, dass er in jenen Ländern für Österreichs Wirtschaft Türöffner spielen würde, in denen die Demokratie nicht unbedingt nach westlichen Standards funktioniert.

Van der Bellens erste Bewährungsprobe könnte übrigens nicht mehr lange auf sich warten lassen. Sollte der Nationalrat tatsächlich 2017 neu gewählt werden und der Professor mit einer Mehrheit unter FPÖ-Beteiligung konfrontiert sein, wird sich zeigen, ob er seine Ansagen hält, und einen möglichen Kanzler Strache tatsächlich nicht angeloben wird.