“Kompetent, fleißig und bescheiden”

Spezial / 01.09.2016 • 22:39 Uhr
Ringträger unter sich: Vorjahrespreisträger Egon Blum (l.) gratuliert seinem Nachfolger Dr. Albert Lingg.
Ringträger unter sich: Vorjahrespreisträger Egon Blum (l.) gratuliert seinem Nachfolger Dr. Albert Lingg.

Dr. Albert Lingg bekam für sein Wirken und
sein Engagement den Dr.-Toni-Russ-Preis und -Ring verliehen.

Bregenz. Albert Lingg sei offen, neugierig, gelassen, hoch kompetent, authentisch, tolerant und integrativ, tragfähig und verständnisvoll, man konnte ihm alles sagen, er sei durch nichts zu erschüttern. Albert Lingg habe immer beurteilt, aber nie geurteilt und schon gar nicht verurteilt. Albert Lingg sei unendlich fleißig, immer da – und bescheiden. Niemand Geringerer als Reinhard Haller, Doyen der hiesigen Psychiatrie, fand diese Worte für den 50. Dr.-Toni-Russ-Preis- und -Ring-Träger im 47. Jahr der Vergabe, Dr. Albert Lingg. Quasi von Doyen zu Doyen, von Russ-Preis-Träger zu Russpreis-Träger: Albert Lingg und Reinhard Haller sind nicht nur Fachkollegen; sie sind Weggefährten und langjährige Freunde. Haller musste also nicht lange überlegen, als er gefragt wurde, ob er die Laudatio bei der Russ-Preis-Verleihung im Bregenzer Festspielhaus halten will.

Eine Jury, bestehend aus VN-Redaktion und den bisherigen Russ-Preis-Trägern, wählte im Frühjahr dieses Jahres Albert Lingg zum 50. Preisträger. Am Donnerstag war es so weit. Rund 450 Menschen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft erwiesen Albert Lingg die Ehre.

Lingg, der Reformer

Einer der Höhepunkte war die Laudatio von Reinhard Haller. Er begann seine Festrede mit einem Abriss der Valduna-Geschichte: von der Gründung eines Klosters im Jahr 1398 bis zur Gauanstalt, als 263 Menschen der Euthanasie zum Opfer fielen. Der Valdunaskandal in den 70er-Jahren habe schließlich gezeigt, dass die Psychiatrie im Land reformiert gehöre. „An dieser Stelle betritt Albert Lingg die Szene“, schildert Haller. „Ein junger Psychiater, weltoffen und international gebildet“, fährt er fort. Linggs berühmter Satz lautete: „Ich bin nicht gekommen, um mich zu habilitieren, sondern um zu schaffen.“

Breites Ehrenamt

Haller brachte fünf Beispiele, weshalb Lingg diese hohe Auszeichnung verdient hat: Lingg war maßgeblich beteiligt an der Rehabilitation von Menschen mit Handicap, leitete die Schule für psychiatrisches Krankenpflegepersonal, bestand auf der Aufarbeitung der Valduna-Geschichte, setzte ein Reha-Modell für psychisch abnorme Rechtsbrecher um und etablierte die Alterspsychiatrie. Dazu gesellen sich unzählige ehrenamtliche Tätigkeiten: Obmann der Telefonseelsorge, Vorstand bei der Lebenshilfe, Mitbegründung des Vereins für psychische Gesundheit, Kuratorium der Stiftung Maria Ebene, AKS, Aktion Demenz und so weiter. „Durch unzählige Vorträge, Kurse und Seminare hat Albert Lingg ein Umdenken in der Bevölkerung ermöglicht“, führt Haller weiter aus.

Lingg habe sich nie gescheut, Dinge beim Namen zu nennen. Einmal wurde er verklagt, weil er feststellte, dass Abmagerungskuren bei Anorexie eine falsche Behandlung seien. Er habe sich als einziger Arzt beschwert, als bei einem Model, das bis auf die Knochen abgemagert war, eine chirurgische Fettabsaugung vorgenommen wurde. Für Haller steht fest: „Der alte Arzt spricht Latein, der neue Arzt Englisch. Und der Arzt Albert Lingg spricht die Sprache des Herzens.“

Lingg gab sich ob der Ehre „beschämt und tief beeindruckt“, wie er in seiner Dankesrede ausführte. Er dankte seiner Frau Grete, seinen fünf Kindern, seinen vielen Lehrern. Vor allem Pater Kassian Lauterer, der ihm im Internat das Philosophieren näherbrachte.

Vorurteile ans Licht gebracht

Sein Fokus auf die Enthospitalisierung habe so manche Vorurteile ans Licht gebracht. „Als wir die ersten Ausflüge mit Patienten organisierten, rief mich ein prominenter Landsmann erbost an, was mir einfalle, ‚die Deppen wieder ins Dorf zu bringen‘. Auch wollte mich eine pensionierte Lehrerin dafür verantwortlich machen, ‚dass sich diese Behinderten wohl nun fortpflanzen wie die Karnickel‘“, erinnerte sich Lingg. Er schloss seine Festrede mit Worten aus Goethes Faust: „Wenn ihrs nicht fühlt, ihr werdets nicht erjagen.“ So schließt sich auch ein Kreis. Schließlich war es Albert Lingg, der seinem Freund Reinhard Haller bei dessen Russ-Preis-Verleihung im Jahr 2010 die Ehre erwies.

Dr. Albert Lingg nutze bei seiner Dankesrede auf der Werkstattbühne des Festspielhauses die Gelegenheit, die Vertreter von Politik und Medien auf aktuelle Probleme der Psychiatrie aufmerksam zu machen.
Dr. Albert Lingg nutze bei seiner Dankesrede auf der Werkstattbühne des Festspielhauses die Gelegenheit, die Vertreter von Politik und Medien auf aktuelle Probleme der Psychiatrie aufmerksam zu machen.