“Die Alltagsrealitäten der Wähler unterscheiden sich”

Keine tiefen Gräben, aber eine scharfe Polarisierung ortet Politologe Fritz Plasser.
Wien. Eine geteilte Wählerschaft: Das ist das Fazit, das Wahlforscher und Politikwissenschafter Fritz Plasser nach der Stichwahl am Sonntag zieht. Die Einstellungen der Wähler von Norbert Hofer und Alexander Van der Bellen würden eine ungewohnte Schärfe an Gegensätzen zeigen.
Hat sich die Republik mit der Stichwahl verändert?
Plasser: Dies erscheint mir zu großflächig. Aber die innenpolitische Wettbewerbslogik ist eine andere geworden. Die Pattsituation des Wahlabends lässt in den Details eine scharfe Polarisierung erkennen.
Woran machen Sie die Polarisierung fest?
Plasser: Die Einstellungen der Hofer-Wähler und Van der Bellen-Wähler bei den zentralen Themen des Wahlkampfs, also Flüchtlinge, Europäische Union, Abstiegsängste oder Vertrauenskrise in die Politik weisen eine ungewohnte Schärfe an Gegensätzen aus. Zwei unterschiedliche Wählerschaften sind auszumachen, zwei unterschiedliche Alltagsrealitäten. So etwas habe ich bei Wahlen noch nie feststellen können.
Die Trennlinien sind zwischen Stadt und Land auszumachen…
Plasser: Ja, ganz eindeutig. Zudem markiert die Bildung eine weitere klare Trennlinie. Je städtischer, desto mehr Van der Bellen-Wähler, je niederiger die Ausbildung, desto mehr Hofer-Wähler.
Seit Sonntag wird von tiefen Gräben quer durch Österreich gesprochen.
PLASSER: Diese Terminologie ist mir zu dramatisch. Ich erkenne sogar Positives. Ich denke, die politische Eliten werden ihr Sensorium schärfen für die unterschiedlichen Alltagsrealitäten. Ich gehe davon aus, dass Kanzler Christian Kern in den kommenden Wochen seinen angekündigen „New Deal“ akzentuieren wird.