Besseres ist nicht mehr als gut

Beim Philosophicum Lech werden nun Optimierungsprozesse in Frage gestellt.
Lech. Philosophen sind auch nur Menschen, und als solche surfen sie gelegentlich im Netz. Dort fördern sie dann Themen zutage, die mancher keinesfalls mit geisteswissenschaftlicher Betätigung in Verbindung bringt.
Im Fall des Österreichers Konrad Paul Liessmann ist es der „Thigh-Gap“. Die Internet-Community bezeichnet damit neuerdings ein Schenkelmaß, bei dessen Erreichung von Schönheit gesprochen wird. Vom Weg dorthin bzw. von der Optimierung des weiblichen Körpers lebt vermutlich eine ganze Industrie.
Menschsein verteidigen
Der unterhaltsame, offizielle Auftakt des inzwischen 19. Philosophicum Lech am gestrigen Nachmittag sollte allerdings nicht suggerieren, dass sich am Arlberg die Fortschrittsverweigerer eingefunden haben. Die Referate dienen der Erörterung der Bilder, denen die Menschen nacheifern, dienen – jetzt wird es philosophisch – auch der Frage, so Liessmann, ob wir überhaupt noch Menschen sein wollen: „Vielleicht ist es an der Zeit, den Menschen, dieses fragile und fragliche Wesen, das nach älteren Lesarten immer zwischen Freiheit und Notwendigkeit, zwischen Geist und Körper, zwischen Endlichkeit und Unendlichkeit, zwischen Natur und Kultur schwanken muss, zumindest gegenüber den Gebildeteten unter seinen Verächtern zu verteidigen.“ Inwieweit das Bessere nicht unbedingt mehr als gut ist, beschäftigt unter anderem den Wirtschaftsethiker Bernward Gesang, den Pädagogen Thomas Damberger, den Genetiker Markus Hengstschläger, die Kulturwissenschaftlerin Eva Horn, die Sportethikerin Claudia Pawlenka sowie den Theologen Dietmar Mieth und die Philosophin Anne Siegetsleitner.
Familien- und Jugendministerin Sophie Karmasin erläuterte gestern in ihrer Funktion als offizielle Vertreterin der Bundespolitik nicht nur Menschenbilder in Vergangenheit und Gegenwart, sondern auch Quellen der Motivation. So habe ein schwedisches Beispiel erwiesen, dass die Menschen nicht durch etwaige Bezahlung zum Blutspenden motiviert wurden, sondern indem man ihnen Informationen darüber lieferte, wann ihre Spende gerade rettend eingesetzt wurde. Landeshauptmann Markus Wallner stellte einen weiteren Aspekt in den Mittelpunkt. Der Mensch, der in seiner Sehnsucht nach Optimierung – laut Liessmann hegen wir auch den Wunsch, Schöpfer eines überlegenen Wesens zu werden – gefährliche Wege beschreitet, wünsche sich, wie auch eine Jugendstudie ergeben hat, vor allem eines: soziale Beziehungen. Größte Sorgen macht es heranwachsenden Vorarlbergern offenbar, solche zu verlieren. Einigermaßen tröstlich erscheint auch die Tatsache, dass Optimierung im Sinne einer zeitaufwendigen Bildung bzw. die Erarbeitung von Wissen hoch im Kurs stehen. Die Besucher des vom Schriftsteller Michael Köhlmeier mitinitiierten Philosophicum blicken im Empfangszelt vor dem Tagungsraum heuer auf ein Regal mit den „schönsten Büchern Österreichs“. Ein Superlativ, der ruhig bleiben darf. Und zwar auch, wenn sich in dieser Aufreihung nicht das Buch „Ich Felder Dichter und Rebell“ über den Bregenzerwälder Franz Michael Felder befinden würde.
In Optimierungsszenarien verbergen sich uralte Sehnsüchte.
Konrad Paul Liessmann
Das 19. Philosophicum Lech findet bis 20. 9. in der Neuen Kirche
statt: www.philosophicum.com