Primar Haller: „Durch psychische Erkrankung allein lässt sich eine solche Tat nicht erklären“

Spezial / 29.03.2015 • 22:23 Uhr
VN-Bericht vom 27. März 2015. Fotos: VN, EPA, Reuters
VN-Bericht vom 27. März 2015. Fotos: VN, EPA, Reuters

Flugärzte sollten laut Primar Reinhard Haller entsprechend geschult werden.

Schwarzach. Vergangenen Donnerstag hatte der Lufthansa-Chef den Kopiloten Andreas L., der das Flugzeug offenbar absichtlich zum Absturz gebracht hat, als 100 Prozent flugtauglich bezeichnet. Nach damaligem Stand der Ermittlungen konnten eine schwere Depression oder eine andere psychische Erkrankung also ausgeschlossen werden. Zudem war bis dato nicht vorstellbar, dass eine schwere psychische Erkrankung niemandem auffällt und der junge Mann als arbeitstauglich galt. Der aktuelle Kenntnisstand gibt der ursprünglichen Annahme des Psychoanalytikers Primar Dr. Reinhard Haller recht. Eine Persönlichkeitsstörung ist häufig auch mit Verstimmungszuständen verbunden, die kurzfristig auftreten können, aber noch keine Depressionskrankheit sind. Dies zu betonen ist Primar Haller besonders deshalb wichtig, weil sich sonst viele echt Depressive und ihre Angehörigen geschockt fühlen und das Bild vom unberechenbaren psychisch Kranken gefördert wird. „Durch eine Depression oder eine psychische Erkrankung allein lässt sich eine solche Tat nicht erklären“, sagt Dr. Haller. „Millionen von Menschen leiden an Depressionen und tun niemandem etwas an, höchstens sich selbst.“

Persönlichkeitsstörung

„Der erweiterte Suizid geschieht aus wohlmeinenden Gründen und betrifft einzelne Angehörige, die man vor dem als unerträglich empfundenen Leben bewahren und in eine bessere Welt mitnehmen will. Damit hat die Tat des Kopiloten aber überhaupt nichts zu tun. Hier steht das Verhältnis 149:1, weshalb man nicht von einem erweiterten Selbstmord, sondern von erweitertem Mord sprechen soll. Der Kopilot muss also neben einer Verstimmung andere Motive gehabt haben, die in seiner frustriert-narzisstischen Persönlichkeit zu suchen sind. Möglicherweise haben auch psychotrope Substanzen, die er im Rahmen einer versuchten Selbstmedikation eingesetzt hat, eine Rolle gespielt.“ Bezüglich der Eignungs- und Kontrolluntersuchungen erachtet es der Experte als sehr wichtig, dass neben den Tests auch eine klinische Untersuchung mit psychiatrischer Abklärung und Harntests auf Drogen und Medikamente erfolgt. Dazu müssten die Flugärzte geschult werden. Mit psychologischen Tests allein, welche heute meist computerisiert sind, kann man solch ernste Störungen niemals erfassen. Tests lassen sich zudem verfälschen, es gibt Bücher und Seminare, in denen man auf die richtigen Antworten getrimmt wird.