“Was die Freiheit betrifft, da gibt es keine banalen Dinge”

Schriftsteller Michael Köhlmeier (64) wird mit dem Dr.-Toni-Russ-Preis ausgezeichnet.
Hohenems. „Freiheit ist nie banal“, sagt Michael Köhlmeier. Wenn er die Wahrnehmung gesellschaftlicher Veränderungen spontan an kleinen Dingen festmacht, dann will er sie auch nicht als Banalität abgetan haben. Im Jahr 1949 geboren, hat er auch im Alltag rigide Strukturen miterlebt. „Wer darüber lacht, dass wir nicht mehr ins Ausland fahren müssen, um einen Film wie ,Das Schweigen‘ von Ingmar Bergmann anzusehen, der soll sich einfach einmal kurz vorstellen, wie es wäre, wenn das plötzlich wieder so ist.“ Mit „Abendland“ und „Die Abenteuer des Joel Spazierer“ hat der Schriftsteller in den letzten Jahren Romane vorgelegt, die auch die Geschichte des 20. Jahrhunderts beleuchten. Mit „Zwei Herren am Strand“ wird im August dieses Jahres ein weiterer erscheinen. Er handelt von Winston Churchill und Charlie Chaplin.
Für seinen großen Beitrag zur österreichischen Literatur, für den damit initiierten Diskurs, für die konkrete Wissensvermittlung, als Philosoph, der auf Augenhöhe agiert, als Mitinitiator des Philosophicums Lech und für sein Engagement für Benachteiligte wird Michael Köhlmeier heuer mit dem Dr.-Toni-Russ-Preis ausgezeichnet. Dieser wird von den Herausgebern und Redakteuren der Vorarlberger Nachrichten vergeben. Zur Jury zählen auch ehemalige Russ-Preis-Träger.
Türen geöffnet
„Wenn ich mir ein Bild von der vergangenen Zeit mache, dann ist es immer ein ferner Spiegel.“ Über die Befindlichkeit in der Antike, wissen wir, wie der bekannte Nacherzähler und Interpret antiker Sagen, erklärt, gar nichts. „Mich interessiert, inwieweit die Mythen unsere Welt widerspiegeln.“ Es ist ihm gelungen, dass viele Menschen dieses Interesse mit ihm teilen. Dass er zahlreichen Zuhörern in Radiosendungen und über CD-Aufnahmen damit Türen öffnete, steht fest. Die kindliche Neugierde, die Köhlmeier bei der Auseinandersetzung mit Mythen und Märchen zugibt, mag sich auf manchen übertragen haben.
Wenn er davon spricht, wie sich die Figuren seiner großen Romane verselbstständigen, wie sie ihm erzählen und wie er ihnen Grenzen setzt, wie er Lust am Schreiben empfindet („ein Schriftsteller muss sich darauf verlassen können, eine Imagination so zu behandeln, als wäre sie real“), dann täuscht das nicht darüber hinweg, dass den Romanen eine ungemein detailgenaue Recherchearbeit vorausging.
Die meisten Bücher von Michael Köhlmeier sind politisch. „Wenn man sich mit dem 20. Jahrhundert beschäftigt, dann geht das nicht ohne politische Äußerung, ich möchte mir und dem Leser ein Bild machen.“ Sich konkret politisch zu äußern, diese Funktion möchte Köhlmeier aber strikt von der Funktion des Schriftstellers trennen. Er hat sich geäußert und sah das Auftreten gegen Rassismus als Notwendigkeit. Den Diskurs führt er über das Werk, bei der Erläuterung des Werks oder beispielsweise beim Philosophicum.
Literaturförderung? „Ich frage mich stets, wie sie aussehen kann“, meint er und plädiert, wie so oft, sie zu ermöglichen. Politiker seien angesprochen, aber auch Mäzene.

Zur Person
Michael Köhlmeier
Schriftsteller, geboren 1949 in Hard, lebt in Hohenems
Ausbildung: Studium der Politikwissenschaft, Germanistik, Mathematik und Philosophie
Prosa-Werke: „Der Peverl Toni und seine abenteuerliche Reise durch meinen Kopf“, „Spielplatz der Helden“, „Der Musterschüler“, „Telemach“, „Kalypso“, „Idylle mit ertrinkendem Hund“ und weitere. Zuletzt erschienen die großen Romane „Abendland“ und „Die Abenteuer des Joel Spazierer“. „Zwei Herren am Strand“ kommt Ende August heraus.
Drehbücher: „Der Unfisch“, „Requiem für Dominic“
Theaterstücke und Hörspiele: u. a. „Der Narrenkarren“ , „Scheffknecht und Breuß“, „Theorie der völligen Hilflosigkeit“
Weitere Werke: u. a. Editionen mit Nacherzählungen antiker Sagenstoffe, zahlreiche Hörbücher, Liedtexte
Auszeichnungen: u. a. Bodensee-Literaturpreis, Anton-Wildgans-Preis, Manès-Sperber-Preis
Familie: verheiratet mit der Schriftstellerin Monika Helfer