Nach 46 Stunden die rettende Hand

Spezial / 10.01.2014 • 19:13 Uhr
Die „Gruppe Österle“ vor dem Mesmerhaus. Das Foto wurde von Josef Brändle aufgenommen.  Fotos: J. Brändle
Die „Gruppe Österle“ vor dem Mesmerhaus. Das Foto wurde von Josef Brändle aufgenommen. Fotos: J. Brändle

Josef Brändle aus Altach half im Jänner 1954, Lawinenopfer in Blons zu bergen.

Altach. „Das ist schon etwas, was man nicht mehr vergisst“, wiederholt Josef Brändle mehrfach. Der 90-Jährige blättert in dem kleinen Album mit braunem Einband und der Aufschrift „Blons 1954“. Knapp zwanzig Fotos sind darin, in Schwarz-Weiß. Jedes einzelne davon ist fein säuberlich beschriftet. „13. Jänner“ steht unter einem. Zu sehen sind junge Männer mit Schaufeln. Um sie herum: Trümmer. Und sehr viel Schnee.

Brändle war einer von rund 2000 freiwilligen Helfern, die nach den Lawinenabgängen 1954 nach Überlebenden in den Schneemassen und Trümmern suchten. Alarmiert von zahlreichen Meldungen aus dem Katastrophengebiet, packt der damals 30-Jährige am Morgen des 12. Jänner seine Sachen und nimmt den Zug von Hohen­ems in Richtung Ludesch. Viel nimmt er nicht mit: Einen Pullover, etwas Unterwäsche zum Wechseln und eine Kleinigkeit zu essen. Seinen Frisörladen in Altach lässt er einfach zurück, seine spätere Frau Huberta fragt er nicht einmal um ihre Meinung. „Ich wollte einfach helfen“, erklärt Brändle 60 Jahre später seine Motivation.

Auf dem Weg stößt er auf mehrere Männer aus Götzis. Bald nennen sie sich „Gruppe Österle“ – nach dem Kopf der Gruppe. Ein wild zusammengewürfelter Haufen seien sie gewesen, erinnert sich Brändle. Keiner habe den anderen gekannt. In den darauffolgenden Stunden werden die Männer zu Schicksalsgenossen. In Thüringerberg erhalten sie den Rat, die Route über St. Gerold nach Blons zu nehmen. Jeder von ihnen bekommt ein Hilfspaket in die Hand gedrückt. Brändle erhält einen Pack Hemden der Firma F.M. Hämmerle.

Tote Tierkörper

Was danach geschieht, ist nur noch in Erinnerungsfetzen erhalten, die sich nicht mehr genau einordnen lassen. Ein Mosaik, das die menschliche Dimension der Katastrophe vor Augen führt. Brändle erinnert sich, wie die „Gruppe Österle“ oberhalb von Blons ankommt und auf Josef Türtscher trifft. Der Mann ist verzweifelt: Seine beiden Schwäger Alois und Ferdinand Dünser werden unter der Lawine vermutet. Er führt sie zur Unglücksstelle. Vom Hof, auf dem die Brüder gearbeitet haben, ist nicht mehr viel übrig. Die Lawine hat den Dachgiebel und das erste Stockwerk weggerissen.

Die Arbeit ist schwer und verläuft zunächst ergebnislos: „Wir mussten den ganzen Heuboden abtragen.“ Darunter finden die Männer nichts als tote Tiere. Erdrückt und erschlagen vom zusammengebrochenen Stall, erstickt in den Schneemassen. Die aufgeblähten Körper und die in Verwesung befindlichen Innereien stinken fürchterlich. Jedes einzelne Tier müssen sie herausziehen und wegschaffen. „Der Gestank war bestialisch“, sagt Brändle. Er stockt, blickt auf eines seiner Fotos. Gut ein Dutzend Männer schaut ernst in die Kamera. Hinter ihnen das Mesmerhaus, das ebenfalls von der Lawine zerstört wurde.

Hände in den Trümmern

Am nächsten Tag dann das Wunder. Gegen 16 Uhr entdeckt die „Gruppe Österle“ in den Überresten des Stalls zwei übereinandergeschlagene Hände, begraben unter zwei Brettern. Sie bewegen sich. Nach 46 Stunden, eingeklemmt zwischen Schnee und Stallüberresten, wird Alois Dünser lebend geborgen. Irgendwann findet man auch seinen Bruder. Er ist nicht mehr am Leben.

Brändle und seine Mitstreiter transportieren den Toten bis zur Kirche ins Ortszentrum. Dort legen sie ihn zu den anderen Opfern der Lawinenkatastrophe. „Es war alles voll, bis in den Gang hinten lagen die gefrorenen Leichen, kreuz und quer“, beschreibt Brändle das Bild, das sich ihm bot. Noch an einer weiteren Suchaktion beteiligt er sich. Dann fährt er zurück ins Tal. Nach Blons kommt er noch einmal, im Sommer nach dem Unglück. Danach nicht mehr.

Das kleine Buch mit den Fotos vom Lawinenunglück will Brändle nicht herausrücken. Wie seinen Augapfel hütet er es, selbst jetzt, so viele Jahre nach den tragischen Ereignissen. Ob er noch oft an Blons denke? „Schon. Es ist immer wieder zurückgekommen.“

Josef Brändle im Jahr 2012.
Josef Brändle im Jahr 2012.