„Gefragt sind Mut und neue Ideen“

Spezial / 13.02.2013 • 22:21 Uhr

Papst-Suche: Georg Sporschill zweifelt an der Eignung Schönborns.

Wien. (VN-joh) Das Interview, das Jesuitenpater Georg Sporschill im Sommer 2012 mit dem Mailänder Kardinal Carlo Martini kurz vor dessen Tod führte, gilt in Italien als Agenda für die Papstwahl. Im VN-Gespräch fordert der Russ-Preis-Träger eine radikale Erneuerung der Kirche. Mit Kardinal Christoph Schönborn gäbe es das nicht.

Ist die anstehende Papst-Wahl eine Chance für eine Erneuerung der Kirche?

Sporschill: Ja. Wenn man sich den Zustand der Kirche in Europa und Nordamerika anschaut, wird klar, dass es so nicht weitergehen kann. Gefragt sind neue Ideen, gefragt ist Mut. Wie ihn Johannes XXIII. besessen hat.

Das letzte Gespräch, das Sie mit dem 2012 verstorbenen Mailänder Kardinal Martini geführt haben, gilt in Italien als Agenda für die Papstwahl.

Sporschill: Der Kardinal hörte zu, er war offen für alle, besonders die Jugend, sogenannte Ungläubige und Randgruppen. Das schafft Inspiration, und das ist auch ein Modell für den Papst.

Martini forderte Benedikt XVI. zu Reformen auf. Warum ist er damit nicht durchgekommen?

Sporschill: Der Papst steht für die Bewahrung des Bestehenden, Martini wollte erneuern, weil er gesehen hat, dass die Kirche immer mehr Glaubwürdigkeit verliert. Das sind eindeutig zwei verschiedene Wege.

Martini hat auch die kirchliche Administration kritisiert.

Sporschill: Dieser Apparat ist schon so behäbig, dass er nicht mehr auf die Bedürfnisse der Welt reagieren kann. Das sehen wir auch in Vorarlberg: Alle wollen Benno (Elbs; Anm.), doch die vatikanische Administration ist außerstande, in vernünftiger Zeit die naheliegende Bischofsbestellung vorzunehmen. Und jetzt steht die Sache wohl noch länger, bis der neue Papst kommt.

Ist aufgrund des enormen Reformstaus ein drittes Vatikanisches Konzil notwendig?

Sporschill: Ein Konzil hätte Vor- und Nachteile. Ich bin vorsichtig, weil noch nicht einmal das letzte Konzil umgesetzt ist. Das sollte man endlich tun.

Kann ein Papst allein den Herausforderungen überhaupt gerecht werden?

Sporschill: Ich gebe zu, dass es ein Wunderding ist, einerseits ein liebenswürdiger, geistvoller Mensch zu sein und andererseits über die Mammutkraft zu verfügen, den Apparat zu ändern.

Wäre Kardinal Schönborn ein geeigneter Kandidat?

Sporschill: „Wir sind Papst“, könnten wir Vorarlberger dann wie die „Bild“-Zeitung im Falle Benedikts schreiben. Schönborn erfüllt sehr viele Voraussetzungen, er ist hoch kultiviert, hat einen weltweiten Horizont, ist im besten Alter. Aber er ist auch ein vorsichtiger und ängstlicher Mensch und tut sich schon mit der Administration in Wien schwer. Wie soll er da im Vatikan zurechtkommen? Außerdem versucht er gegen alle Widerstände, das bestehende System hochzuhalten – Schönborn wäre also eine lineare Fortsetzung von Benedikt XVI.

Sehen Sie einen geeigneten Kandidaten, hat Martini einen genannt?

Sporschill: Darüber habe ich nie mit ihm gesprochen. Und ich kenne niemanden. Aber das bedeutet ja nicht, dass es keinen gibt.

Martini forderte auch eine Öffnung gegenüber Geschiedenen und Wiederverheirateten.

Sporschill: Die Unehrlichkeit ist, dass fast alle in der Kirche eine gewisse Praxis entwickelt haben. Auch Schönborn sagt, er frage bei der Kommunion niemanden, ob er geschieden oder wiederverheiratet sei. Jeder Seelsorger weiß sich da zu helfen. Aber vom System wird das nicht getragen. Dabei müsste es den Seelsorgern zu Hilfe kommen und nicht irgendein Versagen aufrechterhalten.

Um auch Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen?

Sporschill: Um Glaubwürdigkeit kommen wir nicht herum. Wir müssen uns nur fragen, ob die Jugend noch auf uns hört oder ob sie sich gar nicht mehr für uns inte­ressiert.

So gesehen ist es für die Kirche in Europa überlebensnotwendig, dass ein Papst kommt, der im Sinne des Zweiten Konzils die Fenster öffnet.

Sporschill: Ja, das muss man schon sagen.

Wir müssen uns nur fragen, ob die Jugend noch auf uns hört.

Georg Sporschill, Jesuitenpater