Nervenkitzel bis zum Schluss

Amerikaner küren heute ihren Präsidenten. Umfragen sehen Obama knapp vor Romney.
Washington. Am Ende gaben die Kandidaten noch einmal alles. Als käme es darauf an, Vielfliegermeilen zu sammeln, jetteten US-Präsident Barack Obama und Mitt Romney von Swing State zu Swing State, von Sporthallen zu Flugzeughangars, von Marktplätzen zu Parkanlagen. Manchmal kreuzten sich ihre Wege, hätten sie sich fast aus ihren Flugzeugen zuwinken können. Denn ihre Ziele waren dieselben: die weniger als ein Dutzend Staaten mit gerade einmal gut 20 Prozent der Bevölkerung, in denen sich entscheiden wird, wie der nächste Präsident der USA heißt (siehe Grafik).
Dramatische Appelle
Fast war es so, als existierte der große Rest der Nation in diesen Stunden vor der Entscheidung nicht mehr. „Die Tür zu einem besseren Ort ist offen. Geh mit mir hindurch, Iowa“, so Romney. „Ich bin nicht müde, ich habe noch Kampfeslust in mir. Kämpfe mit mir, Ohio“, so Obama. „Es ist die falsche Zeit, sich auszuruhen. Wir sind fast am Ziel, New Hampshire“, sagt der Republikaner. „Haltet noch ein bisschen durch. Jede Stimme zählt, Wisconsin“, sagt der Demokrat.
Bis heute Abend Ortszeit bzw. morgen früh mitteleuropäischer Zeit sind 225 Millionen Amerikaner aufgerufen, ein neues Parlament und den Präsidenten zu wählen. Viele haben ihre Stimmen bereits im Vorfeld abgegeben. Das Ergebnis ist nicht absehbar. Letzten Umfragen zufolge lag Obama mit 48 Prozent relativ knapp vor Romney (45 Prozent). Ein so spannendes Rennen hat es noch selten gegeben.
2,33 Milliarden Euro verpulvert
Es ist ein Phänomen dieses Wahlkampfes. Etwa drei Milliarden Dollar (2,33 Milliarden Euro) wird das Rennen laut „Washington Post“ verschlungen haben, wenn heute früh Ortszeit als Erstes die Wahllokale in Vermont geöffnet haben. Aber geändert hat der ganze Aufwand praktisch nichts an der Dynamik, die diese Wahlsaison von Anfang an bestimmte.
Hier ist Obama, belastet mit einer schwächelnden Wirtschaft und hoher Arbeitslosigkeit, ein Präsident, der nach seinem Antritt als Hoffnungsträger des Wandels auch viele eigene Wähler enttäuscht hat – aber immer noch eine Inspiration für viele ist. Und da ist Mitt Romney, der seinen Wahlkampf über weite Strecken als Anti-Obama bestritt, reich an Attacken, eher arm an Details über sein eigenes Programm.
Romney-Berater ernüchtert
Beide Seiten zeigen sich nach außen hin optimistisch. Aber Romney-Berater räumen ein, dass sie eigentlich erwartet hätten, dass ihr Kandidat mit einer besseren Ausgangsposition in den Wahltag geht. War es der Sturm „Sandy“, der Romneys Aufschwung stoppte, weil er Obama die Gelegenheit gab, sich als Landesvater und Krisenmanager zu zeigen? Wird da schon eine Erklärung vorbereitet, für den Fall einer republikanischen Niederlage? Sollten die Demokraten das glauben, hüten sie sich, es laut zu sagen. Viel zu knapp sieht es aus, um auch nur an Schampus in der Wahlnacht zu denken. „Die Demokraten werden die letzte Nacht genauso verbringen wie die Republikaner“, sagte Experte David Gergen voraus: „Sie werden auf die letzten Umfragen blicken, zählen und zählen, rechnen und rechnen. Es wird für alle eine unruhige Nacht.“
Die kommende Nacht wird für beide Seiten unruhig.
David Gergen



