VN-Reisebericht Passeiertal: Eine Wundertüte in Südtirol

Reise / 11.07.2021 • 10:00 Uhr
VN-Reisebericht Passeiertal: Eine Wundertüte in Südtirol
JENS HERRNDORFF/UNSPLASH

Zwischen Meran und den Dreitausendern des Alpenhauptkamms versteckt sich mit dem Passeiertal eine wahre Schatztruhe.

Passeiertal Der Weg ins Paradies kann weit sein. Zumindest für die, die ihr Glück auf den Gipfeln suchen – oder auf der Zwickauer Hütte, die auf einem Felsabsatz direkt neben einem kleinen Gletscher auf knapp 3000 Meter Höhe wie ein Adlerhorst thront. Ein Traumplatz ganz hinten im Passeiertal, auch wegen des einmaligen Sonnenaufgangs. Der beste Platz dafür ist die große Terrasse vor der Hütte, hier sitzt man wie im Kino: Vor einem eine Riesenleinwand, auf der links die Sonne über einem Wolkenmeer aufgeht und rechts die Hohe Wilde im zarten Rot erstrahlt, während unter einem der kleine Ort Pfelders noch im tiefsten Schatten liegt.

Das Kino ist kostenlos, doch den Ausblick muss man sich hart verdienen. Knapp vier Stunden benötigt man für den schweißtreibenden Anstieg aus dem Tal. Die Anstrengung ist allerdings nach der Ankunft auf dem stattlichen, mit Holzschindeln verkleideten Stützpunkt am Fuß des Hinteren Seelenkogels schnell vergessen – wegen des Ausblicks und wegen Heinz Leitner, der die Hütte liebevoll bewirtschaftet. Ein Südtiroler Original, der mit seinem wallenden Haar und dem Vollbart auch auf den zweiten Blick noch Ähnlichkeit mit Reinhold Messner hat – oder wie Heinz sagt: „Er hat’s Glück, dass er mir etwas gleicht.“ Die Zwickauer Hütte ist der höchste Stützpunkt in dem weitläufigen Gebiet des Passeiertals – und für Wanderer einer der vielen Höhepunkte, die es hier zu entdecken gibt. Ein Gebiet, das mit über 300 Sonnentagen vom Wetter regelrecht verwöhnt wird und quasi von der Kurstadt Meran mit ihrem fast schon mediterranen Klima und Flair bis in die Gletscherregion reicht.

Blick von Oben auf den Ort Moos in Passeier, die flächenmäßig größte Gemeinde im Passeiertal. <span class="copyright">Shutterstock</span>
Blick von Oben auf den Ort Moos in Passeier, die flächenmäßig größte Gemeinde im Passeiertal. Shutterstock

Imposante Hänge

„Von oben sieht man mehr“, heißt ein schönes Sprichwort, das einem nach dem Abstecher auf die Zwickauer Hütte beim Anstieg ins Falschnaltal durch den Kopf geht – dabei kann man sich auch über die Kulisse von Pfelders kaum beklagen. Über dem Ort ragen imposante Hänge auf, die schier endlos hinaufziehen zu den Ötztaler Dreitausendern, den Talschluss dominiert die Hohe Wilde. Im Falschnaltal tritt man ein ins Reich des Naturparks Texelgruppe und wandert durch eine traumhafte Almlandschaft mit glücklichen Kühen und munter sprudelnden Bächen – Natur pur. Und doch, oben sieht man mehr. Urplötzlich weitet sich im Falschnaljoch der Blick, gleich vis-à-vis ragen mit Lodner und Hoher Weißen die höchsten, schönsten und markantesten Gipfel der Texelgruppe auf. Noch eine Stufe höher am Spronser Joch öffnet sich der Blick zu den Dolomiten und vor einem zeigen sich die ersten der insgesamt zehn Spronser Seen. Die zählen zu den beliebtesten Zielen links und rechts des rund 50 Kilometer langen Passeiertals, in dem es rund 700 Kilometer markierte Wanderwege gibt. Das Angebot reicht vom schmalen Steig für gute, trainierte Geher bis hin zu einfachen Genussrunden. Von der Almen- oder Hüttentour bis zum im Jahr 2015 eröffneten, aufwändig gebauten Weg durch die Passerschlucht. Eine beliebte Strecke, bei der man Dank mehrerer Brücken und teils spektakulär angelegten Stege zwischen Moos und St. Leonhard in Passeier teilweise dicht über dem glasklaren Wasser der Passer wandert.

Die Passer schlängelt sich vom Timmelsjoch bis nach Meran, wo sie in die Etsch mündet. <span class="copyright">Shutterstock</span>
Die Passer schlängelt sich vom Timmelsjoch bis nach Meran, wo sie in die Etsch mündet. Shutterstock

Tal der Höhenwege

Das Passeiertal ist ein Wanderparadies und auch bekannt als das Tal der Höhenwege. Einige Etappen des bekannten Meraner Höhenwegs, des Tiroler Höhenwegs von Mayrhofen nach Meran oder vom Medius Pilgerweg, der seit dem Jahr 2014 von Thaur in Nordtirol über 180 Kilometer nach San Romedio im Trentino führt, berühren das Passeiertal. Der mit Abstand bekannteste Höhenweg ist jedoch der Europäische Fernwanderweg E5. Dabei handelt es sich um die Originalroute, die im Vergleich zu den in den letzten Jahren entstandenen Varianten keineswegs überlaufen ist. Nach der Königsetappe über das Timmelsjoch und damit den Alpenhauptkamm passiert man am nächsten Tag die Pfandler Alm, auf der sich einst Andreas Hofer versteckte. Der Anführer der Tiroler Aufstandsbewegung von 1809 wurde im Sandhof bei St. Leonhard in Passeier geboren, kämpfte gegen die bayerische und französische Besetzung seiner Heimat und wurde schließlich von den Franzosen gefangen genommen.

Passeiertal

Lage Südtirol, nördlich von Meran

Gemeinden Kuens, Moos, Riffian, St. Leonhard, St. Martin.

Anreise Auf der Brennerautobahn nach Bozen und über Meran ins Passeiertal. Im Sommer Anfahrt auch über das Timmelsjoch oder den Jaufenpass möglich. Alternativ mit dem Zug nach Meran und mit dem Bus ins Passeiertal.