Mate, Meer und Landleben

Wenn die Grenzen wieder öffnen, ist Uruguay prädestiniert für einen Natururlaub.
Schaumfetzen wirbeln durch die Luft, Wind tost in den Ohren, Sandkörner prickeln auf der Haut. Ein Frühlingssturm bläst bei strahlendem Sonnenschein über den Strand vor der Lagune von Rocha – die Einheimischen im Osten Uruguays freuen sich über diesen Vorboten des Sommers. Ramon Lobato Vega, genannt Pepe, stapft durch den Sand zu seinem Fährboot: Eine Handvoll Wanderer will über die Lagune gesetzt werden. „Als mein Vater in der 30er-Jahren zum Fischen hierherkam, war dieser Küstenabschnitt noch unbewohnt“, sagt der Mittsechziger. So einsam wie in Pepes Dörfchen ist es fast überall an dieser „Riviera Südamerikas“ mit ihrem Wechsel aus Sandstränden und Lagunen. Nur wenige Straßen führen durch die Provinz Rocha. Das Dorf Cabo Polonio ist bis heute nur zu Fuß oder mit einem Lkw-Shuttle erreichbar. Hier gibt es keine Luxushotels, keinen Strom, keinen Telefonanschluss. Sandwege führen vorbei an wackligen Holzhütten, kleinen Häusern mit bunten Wandgemälden, Windrädern, Wassertanks und Mauern aus Altglas. Dazwischen grasen Pferde, spielen Kinder, streunen Hunde.
Fortschrittliches Land
Bevor Hippies und Künstler den Ort in den Sechzigern übernahmen, lebten hier nur ein paar Fischer und Robbenjäger. Als die Jagd 1991 verboten wurde, waren die Seelöwen fast ausgerottet. Heute tummeln sich an der Küste und am Fuß des rot-weiß gestreiften Leuchtturms wieder bis zu 90.000 Exemplare. Eines der Wandgemälde in Cabo Polonio zeigt den Ex-Präsidenten José Mujica, der von 2010 bis 2015 Reformen wie die Homo-Ehe, die Liberalisierung der Abtreibung und die Freigabe von Marihuana anstieß. Der heute 85-Jährige eroberte damals die Herzen seiner Landsleute: Mujica spendete 90 Prozent seines Gehalts, zog sein einfaches Landhaus der Präsidentenvilla vor und fuhr am liebsten mit einem alten VW-Käfer zur Arbeit. Uruguay gilt heute als eines der sichersten und fortschrittlichsten Länder in Südamerika. Es hat vorbildliche Sozialleistungen und ist führend in der Digitalisierung, zum Beispiel bekommt jeder Schüler ein kostenloses Laptop. Die Nachbarländer mit ihren Problemen blicken neidisch auf den Staat mit seinen dreieinhalb Millionen Einwohnern. Dennoch wurde Mujicas Partei Ende 2019 abgewählt – nun fürchten viele den Verlust der liberalen Rechte.
Gauchos und Rinderherden
Gleich hinter der Stadtgrenze Montevideos beginnt die Pampa, das Land der Gauchos, Estancias und Rinderherden. Eines der traditionsreichsten Güter des Landes, San Pedro de Timote, ist heute ein feudales Landhotel. Abends erzählt der Historiker Roberto Diringuer am Kamin Geschichten aus der Blütezeit der Gauchos: „Sein Criollo-Pferd ist das Wichtigste im Leben jedes Gaucho“, sagt er. „Er liebt es, pflegt es, behandelt es immer besonders – es soll glänzen wie ein schönes Auto.“
Doch die Zeiten haben sich auch auf dem Land geändert: „Der Beruf des Gaucho ist moderner geworden, seine klassische Arbeit mit dem Lasso wird immer mehr zur Folklore“, sagt Diringuer. Anstatt Vieh zu treiben, führen viele einstige Rinderhirten jetzt Touristen durch die Pampa. Meist schweigsam, denn das Reden will geübt sein. Auch Federico de León auf der Finca Piedra lässt sich beim Ausritt nur schwer ein paar Worte entlocken. Der junge Gaucho mit Baskenmütze, Lederstiefeln und Arbeitsmessern im breitem Gürtel führt seine Gäste durch die Wiesen der Sierra de Mahoma. „Steinernes Meer“ wird diese wilde Landschaft 130 Kilometer nordwestlich von Montevideo auch genannt. Der 34-Jährige scheint mit seinem Sattel verschmolzen zu sein, mit kaum merklichen Bewegungen dirigiert er sein Pferd. Zwischendurch durchquert der kleine Trupp eine Rinderherde. Federicos Augen leuchten, als er ein paar Kälber zurück zur Mutter treibt. „Das macht mir am meisten Spaß“, sagt er – und seine Gäste fühlen sich einen Moment lang etwas zurückgesetzt. Doch dann traben alle unbeschwert tiefer ins Land, vor sich nichts als die unendliche Pampa.

