Gesundheitsvorsorge vernachlässigt

Politik / 03.09.2025 • 20:25 Uhr
Gesundheitsvorsorge vernachlässigt
Durch Vorsorgeuntersuchungen kann individuelles Leid erspart werden, wie der Internist Philipp Rein bestätigt. Die Beteiligung ist jedoch ausbaufähig. Foto: APA

Vorarlberg war jahrelang Vorreiter, ist im bundesweiten Vergleich jedoch zurückgefallen.

SCHWARZACH. Gesundheitsvorsorge sei wichtig, betont der Internist Philipp Rein, der in Dornbirn zusammen mit zwei Fachkollegen eine Ordination betreibt: Bei der allgemeinen Vorsorgeuntersuchung, der sich alle ab 18-Jährigen einmal jährlich kostenlos unterziehen lassen, werden laut Rein die häufigsten Todesursachen in Europa adressiert: „Herzkreislauferkrankungen und bösartige Neubildungen.“ Im Rahmen der Hauptvorsorge gebe es zum Beispiel auch die Mammographie bei Frauen ab 40 und die Prostatakrebs-Früherkennung bei Männern ab 45. „Primär können wir hiermit sehr viel individuelles Leid ersparen, aber auch Kosten für uns alle senken“, so der Internist in Anspielung auf Erkrankungen bzw. lange und teure Spitalaufenthalte, die so verhindert werden können.

Aufgrund Ihrer Datenschutzeinstellungen wird an dieser Stelle kein Inhalt von Sonstige angezeigt.

Umso ernüchternder sind die Zahlen: Eine Vorsorgeuntersuchung („Gesundheits-Check“) haben im vergangenen Jahr hierzulande nur 12,6 Prozent der Gesamtbevölkerung durchführen lassen. Beziehungsweise 11,5 Prozent der Männer und 13,7 Prozent der Frauen. Das waren weniger als in den meisten Bundesländern und im Durchschnitt. Weniger waren es einzig in Niederösterreich.

Vorarlberg war einmal Vorreiter. Noch 1990 war der Anteil hierzulande am höchsten. Dazu beigetragen hat der Arbeitskreis für Vorsorge- und Sozialmedizin (aks). Dieser hat ab 1972 ein „Wiedereinladungssystem“ betrieben, wie es dort heißt: Nachdem die Bevölkerung zunächst durch Öffentlichkeitsarbeit für die Teilnahme sensibilisiert worden sei, habe man diese erfasst, um Teilnehmenden nach durchschnittlich zwei Jahren eine Einladung zu einer Folgeuntersuchung schicken zu können. Genauer: Bei einem schlechten Befund habe man das nach kürzerer Zeit getan, bei einem guten später.

Aufgrund Ihrer Datenschutzeinstellungen wird an dieser Stelle kein Inhalt von Sonstige angezeigt.

2005 kam es jedoch zur Zäsur: Seither kann aks keine Einladungen mehr verschicken. Die Datenübermittlung an ihn wurde eingestellt und über die Sozialversicherung zentralisiert. Warum die Entwicklungen nach Bundesländern aber so unterschiedlich sind, ist ein Rätsel. Bei der ÖGK etwa hat man keine stichhaltige Antwort. Zumal der Tarif für die allgemeine Vorsorgeuntersuchung österreichweit einheitlich sei.

Der Gesundheitsexperte Armin Fidler sieht ein grundsätzliches Problem: „Hauptsächlich lassen sich diejenigen, die ohnehin schon gesundheitsbewusst leben, untersuchen. Also Leute, die doppelt und dreifach aufpassen.“ Besonders Risikopersonen, die es eher nötig hätten, würden es jedoch nicht tun. Sie könnte man, so Fidler, erreichen, indem man alle bei jedem Kontakt mit dem Gesundheitssystem darauf hinweist. Und sei es bei einem Ambulanzbesuch wegen einer Verstauchung.

Gesundheitsvorsorge vernachlässigt
„Hauptsächlich lassen sich diejenigen, die ohnehin schon gesundheitsbewusst leben, untersuchen. Also Leute, die doppelt und dreifach aufpassen”, analysiert Fidler. Foto: VN/Stiplovsek

Facharzt Rein nimmt in der Praxis „eine große Nachfrage“ wahr. In seinem Fall nicht nur wegen allgemeiner, sondern auch Darmkrebs-Vorsorgeuntersuchungen. Wobei: „Generell sehe ich den Hausarzt als ersten Ansprechpartner der Patienten.“

Er weist darauf hin, dass diejenigen, die sich einer Vorsorgeuntersuchung unterziehen lassen, es durchschnittlich alle drei Jahre tun würden, sodass man in Vorarlberg alles in allem auf eine Bevölkerungsanteil von einem Drittel komme. Trotzdem gebe es Luft nach oben. „Sicher sinnvoll wären persönliche Einladungen“, so Rein.

Gesundheitsvorsorge vernachlässigt
Gesundheitslandesrätin Rüscher berichtet von einem digitalen Erinnerungssystem, das die Bürgerinnen und Bürger aktiv auf Vorsorgeuntersuchungen aufmerksam macht. Foto: VN/Paulitsch

Da könnte etwas kommen: Gesundheitslandesrätin Martina Rüscher (ÖVP) berichtet von einem digitalen Erinnerungssystem, das die Bürgerinnen und Bürger aktiv auf Vorsorgeuntersuchungen aufmerksam macht: „Auf Bundesebene laufen entsprechende Bestrebungen.“ Es wäre begrüßenswert, so Rüscher. Und zwar zusätzlich zu dem, was man hierzulande bereits angegangen sei: Mit der „Xsund“-App sei ein Vorsorgerechner etabliert worden, der Nutzerinnen und Nutzern zeigt, welche Untersuchungen sinnvoll sind.