Fluchtjahr 2015: “Herausfordernde Zeit mit großen Aufgaben”

Politik / 27.08.2025 • 14:11 Uhr
Hunderttausende Menschen suchten Zuflucht, dabei legten sie weite Strecken zu Fuß zurück.  AFP
Hunderttausende machten sich auf den Weg über den Balkan auf den Weg in Richtung Deutschland.  AFP

Vor zehn Jahren überschlugen sich die Ereignisse in Österreich. Der frühere Asyllandesrat Erich Schwärzler erinnert sich an die Aufnahme der Menschen in Vorarlberg.

Schwarzach Die Tragödie hat nach zehn Jahren nicht an Schrecken verloren: Am 27. August 2015 entdeckte ein Asfinag-Mitarbeiter auf der Autobahn bei Parndorf im Burgenland einen Kühl-Lkw. Das Fahrzeug war in einer Pannenbucht abgestellt worden. Im luftdicht verschlossenen Laderaum befanden sich die Leichen von 71 Flüchtlingen aus Afghanistan, Syrien, dem Irak und dem Iran, darunter vier Kinder. Sie waren während der Schlepperfahrt erstickt, hatten auf engstem Raum ums Überleben gekämpft.

Dieser grausame Vorfall erschütterte Österreich und die ganze Welt. Kurze Zeit später sollten sich die Ereignisse überschlagen und die große Fluchtbewegung über den Balkan in Richtung Deutschland beginnen. Zehntausende Menschen kamen wegen Krieg und fehlender Perspektiven in ihren Heimatländern nach Österreich, viele von ihnen nach Vorarlberg. Der frühere Asyllandesrat und ÖVP-Politiker Erich Schwärzler erinnert sich: “Es war eine herausfordernde Zeit mit großen Aufgaben.”

Katastrophe befürchtet

in Schlüsselereignis in diesem Fluchtjahr fand kurz nach der Tragödie im Burgenland, am 5. September, statt. Der damalige Kanzler Werner Faymann (SPÖ) gab in Abstimmung mit der deutschen Regierungschefin Angela Merkel (CDU) bekannt: „Aufgrund der Notlage an der ungarischen Grenze stimmen Österreich und Deutschland der Weiterreise der Flüchtlinge in ihre Länder zu.“

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71 Menschen kamen in einem Lastwagen grausam ums Leben. AFP

Tausende Flüchtlinge, die zuvor in Ungarn ausharrten, waren auf dem Weg in Richtung Grenze. Es bestand die Sorge, dass es zu einer humanitären Katastrophe kommen könnte, sollte die Einreise mit Gewalt verhindert werden. Schließlich blieb es nicht bei einer einmaligen Aktion. Gut eine Million Menschen erreichten bis Ende 2015 Deutschland, rund 90.000 waren es in Österreich. Was mit einer Welle von Hilfsbereitschaft begann, sollte später zu einem der größten politischen Streitthemen werden und ist es bis heute.

Merkel ist nicht glücklich über die neuen österreichischen Flüchtlings­obergrenzen. Foto: APA
Faymann und Merkel trafen im September 2015 einen Entschluss: Die Flüchtlinge sollten in ihre Länder weiterreisen dürfen. APA/BKA/BKA/KERSTIN JOENSSON

In Vorarlberg befanden sich am 1. Dezember 2015 insgesamt 1595 Asylwerberinnen und Asylwerber in der Grundversorgung, ein Jahr später waren es bereits 3657, darunter 1011 Kinder.

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Erich Schwärzler hat diese Zeit in Vorarlberg wesentlich mitgeprägt, war damals im Dauereinsatz auf der Suche nach Unterkünften. “Es waren zum Teil pro Woche über 100 Menschen, die wir aufnehmen, denen wir ein Quartier besorgen und die wir verpflegen mussten.” Schwärzler spricht von einer schwierigen Aufgabe, von berechtigten Fragen und Ängsten in der Bevölkerung. “Auf der einen Seite steht der Mensch auf der Flucht, der Hilfe und Unterstützung braucht. Auf der anderen Seite gibt es Grenzen und Begrenzungen im eigenen Land.”

Landtagssitzung Vorarlberg - aktuelle Stunde zu Hypo Alpe Adria
Erich Schwärzler war von 1993 bis 2018 Landesrat. Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 2015.VN/Lerch

Der frühere Landesrat lobt die Zusammenarbeit mit den Gemeinden, mit der Caritas, der Firma ORS und Privaten, mit den Mitarbeitenden im Landhaus und bei den Bezirkshauptmannschaften, mit der Polizei. Auch dass es damals einen einstimmigen Beschluss im Landtag gab, sei nicht selbstverständlich gewesen. “Im November habe ich gesagt: ‘Weihnachten ist dann, wenn in allen Gemeinden Flüchtlinge untergebracht sind.'” Er sei immer Gegner von Großquartieren oder Zeltlagern gewesen. “Das wäre eine Zumutung für die jeweilige Gemeinde gewesen und so geht man mit Menschen einfach nicht um.” Die Suche nach Unterkünften gestaltete sich nicht immer einfach. Die Dornbirner Messehalle fungierte für eine gewisse Zeit als Notlager für Asylwerber. Schwärzler bezeichnet besonders das Jahr 2016 als herausfordernd, immer wieder habe es Quartiere gebraucht. “Im Nachhinein habe ich das Gefühl: Es war ein gutes Ergebnis in einer schwierigen Situation.”

Heute ist die Lage anders. Nach einem neuerlichen starken Anstieg der Asylanträge in Österreich im Jahr 2022 befindet sich die Zahl mittlerweile auf einem niedrigen Niveau. Laut Innenministerium gab es im Vorjahr 25.360 Anträge. 2015 waren es mit 88.340 mehr als dreimal so viele.

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