Tierärztliche Versorgung im Land: “Die Lage wird immer prekärer”

Politik / 23.07.2025 • 14:11 Uhr
Tierärztliche Versorgung im Land: "Die Lage wird immer prekärer"
Vor kurzem ist Landesstellenpräsident Griss für weitere vier Jahre angelobt worden. VN/Paulitsch

Präsident der Vorarlberger Tierärztekammer warnt vor Problemen im Nutztierbereich. Ganze Regionen müssen bald ohne Tierarzt auskommen.

Rankweil Robert Griss schlägt Alarm. Der Vorarlberger Präsident der Tierärztekammer sieht die tierärztliche Versorgung bei Nutztieren in Gefahr. Bald komme es zu Pensionierungen, es gebe keine Nachfolger. Ganze Regionen stünden dann ohne Tierarzt da. Außerdem äußert sich Griss, der eine Praxis für Pferde in Rankweil betreibt, zum illegalen Medikamentenbezug von Landwirten aus Deutschland. Das Problem bestehe nach wie vor.

Sie haben vor knapp drei Jahren gewarnt, dass die tierärztliche Versorgung für Großtiere im Land bald einbrechen könnte. Wie ist die Lage momentan?

Griss Es wird immer prekärer, die Pensionierungen rollen an. Mit Ende des Jahres geht zum Beispiel ein Kollege im Unterland in Pension. Es gibt keine Nachbesetzung. Insgesamt haben wir in Vorarlberg an die 117 Tierärztinnen und Tierärzte, diese sind hauptsächlich im Kleintierbereich tätig. Davon sind 24 Nutztierpraktiker, die zum Beispiel für Kühe zuständig sind. In diesem Bereich bekommen wir große Probleme, weil viele Kollegen schon recht fortgeschrittenen Alters sind. Die Zeiten, als die Tierärzte bis 70 gearbeitet haben, sind vorbei.

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Wie viele Stellen können nicht nachbesetzt werden?

Griss Das Unterland ist stark betroffen. Da haben wir drei Nutztierpraktiker, wovon zwei bald in Pension sein werden. Im Oberland haben wir ebenfalls das Problem, dass viele Kollegen Anfang, Mitte 60 sind und bald aufhören werden. Da fallen uns ganze Regionen aus, zum Beispiel im Montafon oder im Großen Walsertal, wo der Kollege das ganze Tal abdeckt.

Tierärztliche Versorgung im Land: "Die Lage wird immer prekärer"

Was wäre die Folge?

Griss Dann müssen die anderen Praxen das Gebiet übernehmen und kompensieren. Das hat zur Folge, dass weitere Wege zu fahren sind und mehr Landwirte betreut werden müssen. Eine 24-Stunden-Betreuung 365 Tage im Jahr ist dann natürlich sehr schwierig zu bewerkstelligen.

Warum finden sich keine Nachfolgerinnen und Nachfolger?

Griss Das hat sehr viele Gründe. Es ist so, dass an der Universität in Wien 85 Prozent der Studierenden weiblich sind, was in dem Sinne kein Problem ist. Aber die Arbeit in der Nutztierpraxis, diese körperlich schwere Arbeit, will kaum mehr jemand machen. Dazu kommt, dass man morgens früh anfangen und bis spät in die Nacht arbeiten muss, man hat weite Wege zu fahren, es ist zeitaufwendig. Der Job ist familiär nicht sehr verträglich. Im Kleintierbereich gibt es wiederum keine Probleme. Da hat sich das Berufsbild völlig verändert, das war früher eher ein männlicher Beruf, heute ist er eher weiblich.

Vergangenes Jahr gab es Vorwürfe, dass Landwirte illegal Tier-Medikamente aus Deutschland bezogen und damit gehandelt haben könnten. Wie ist da die Lage, handelt es sich um Einzelfälle?

Griss Wir wissen es nicht genau, es gibt Verdachtsmomente. Man redet nicht darüber. Letztes Jahr haben die Vorgänge dazu geführt, dass der Rahmenvertrag für die tierärztliche Betreuung für landwirtschaftliche Betriebe aufgelöst wurde. Jetzt gibt es Einzelverträge zwischen Landwirt und Tierarzt. Das Problem ist damit aber nicht gelöst.

Diese Vorgangsweise existiert also weiterhin?

Griss Das gibt es nach wie vor.

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Warum machen die Landwirte das?

Griss Wahrscheinlich aus Kostengründen. Es geht hauptsächlich um Antibiotika, da sind die Vorgaben bei uns sehr streng. Jedes Antibiotikum, das wir anwenden, müssen wir doppelt dokumentieren und an die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit melden. Wenn Landwirte einfach so Antibiotika zur Verfügung haben, gibt es keine Dokumentation, es wird vielleicht zu viel, falsch oder unnötigerweise eingesetzt. Vorarlberg ist aber nicht das einzige Bundesland mit diesem Problem.

In den vergangenen Wochen gab es Berichte über Kälbertransporte nach Spanien. Zumindest zwei Vorarlberger Tiere sollen später in Nordafrika gelandet sein. Wo endet die Verantwortung der heimischen Landwirte?

Griss Ein Betrieb mit 100 Kühen hat mitunter auch an die 100 Geburten. 50 Prozent der Kälber sind männlich. Diese kann man auf einem Milchbetrieb nicht brauchen. Die Landwirte sind froh, wenn die männlichen Tiere so schnell wie möglich aus dem Betrieb hinauskommen. Dann gilt: aus den Augen, aus dem Sinn. Ein Viehhändler kommt, nimmt das Kalb und damit ist es für den Landwirt erledigt.

Wie sind die Bedingungen auf solchen Transporten?

Griss Es sind Massentransporte. Nach Spanien mag es noch in Ordnung sein, wenn Fristen und die Pausen eingehalten werden, und die Tiere Wasser bekommen. Aber der Seetransport gilt nicht als Transport, sondern als Ruhezeit. Das sind schon schlimme Zustände, die zum Teil auch intransparent sind. Auf EU-Ebene sollte auf jeden Fall nachgeschärft werden.

Könnten die Kälber nicht im Land geschlachtet werden?

Griss Wir haben momentan noch nicht einmal einen größeren Schlachthof im Land. Es fehlen die Kapazitäten. Es ist kostenintensiv, ein Stierkalb einige Monate im Betrieb zu behalten und durchzufüttern. Oft mangelt es einfach an Platz und Futtermitteln.