Johannes Huber

Kommentar

Johannes Huber

Kommentar: Kraftvolle Kirche

Politik / 19.04.2025 • 07:15 Uhr

Er ist 88 Jahre alt und nach einer beidseitigen Lungenentzündung noch immer geschwächt. Die Ärzte haben ihm geraten, sich zu schonen und auf öffentliche Auftritte zu verzichten. Papst Franziskus wirkt jedoch weiter, so gut er kann: Am Gründonnerstag ließ er es sich nicht nehmen, wie schon in der Vergangenheit Häftlinge in einem römischen Gefängnis zu besuchen. Die traditionelle Fußwaschung könne er diesmal nicht vornehmen, ließ er sie wissen: „Aber ich wollte euch nahe sein und werde für euch und eure Familien beten.“

Ein großer Mann bei den vermeintlich Kleinsten, bei Verstoßenen, ja Aufgegebenen: Dieses Signal ist so stark. Es zeugt von einer kraftvollen Kirche, die den Gekreuzigten beim Wort nimmt und sich in seinem Sinne engagiert.

Papst Franziskus macht sich damit nicht nur Freunde, sondern auch Gegner in den eigenen Reihen. Ohne sie hätte er wohl größere Veränderungen durchgesetzt. Würde es vielleicht auch einen Nachfolger von Kardinal Christoph Schönborn geben.

Schon lange ist absehbar, dass ein solcher notwendig ist. Dass Schönborn am 22. Jänner 80 Jahre alt geworden ist und damit das Pensions- oder Rückzugsalter erreicht hat, ist ja nicht ganz überraschend gekommen. Der Innsbrucker Bischof Hermann Glettler findet es daher „relativ unprofessionell“, wie lange die Nachfolgeentscheidung auf sich warten lässt. Gerade in Zeiten wie diesen leistet sich die Kirche damit in Österreich ein Stück Führungslosigkeit.

Das ist nicht nur unprofessionell: Glettler erklärt auch, dass ihm leere Kirchen mehr Sorgen bereiten würden als volle Moscheen. Das hat was: Es gibt immer weniger Gottesdienstbesucher und Katholiken. Das eine hängt mit dem anderen zusammen. Es ist Ausdruck eine Entfremdung und eines Bedeutungsverlustes der Kirche.

Das Problem ist, dass für viele Menschen nichts folgt, was Orientierung stiftet und womit Werte einhergehen. Dass sich politische Kräfte darum bemühen, das Vakuum zu füllen und zu „pflegen“, was halt doch alle lieben: Religiöse Feste, von Ostern über Nikolaus bis Weihnachten. Dass das aber politische für eine Art Kulturkampf genützt wird. Wie es etwa auch beim Kreuz in den Klassenzimmern der Fall ist: Es dient in diesem Zusammenhang nur dazu, Anders- oder Nichtgläubigen zu zeigen, wer hier bestimmend sei.

Umso wichtiger sind zwei Dinge: Einerseits braucht es eine politische Gegenbewegung, die sich darum bemüht, im Sinne von Aufklärung und demokratischem Rechtsstaat eine Grundlage dafür zu schaffen, dass Unterschiedliches nebeneinander sein kann; dass radikale Bewegungen bekämpft werden, die das nicht zulassen wollen. Zum anderen ist es wichtig, dass der Geist von Franziskus die gesamte Kirche erfasst; dass sie dadurch wieder glaubwürdiger und überzeugender für eine Masse wird, damit sie nicht zuletzt eben auch die Erklärungshoheit über Feste und Symbole zurückgewinnt bzw. damit sie all jenen Politikern, die hier Missbrauch betreiben und Konflikte schüren, das Wasser abgräbt.

Johannes Huber betreibt die Seite dieSubstanz.at – Analysen und Hintergründe zur Politik.