Der 30er wird zu Wallners Gefahr
Superlative haben im Journalismus eigentlich nichts verloren. „Mega“, „Giga“, „brutal“ und Konsorten sind Zuschreibungen, die für Erlebnisberichte, aber nicht für Zeitungsartikel vorgesehen sind. Auch „politisches Erdbeben“ ist eine solche Beschreibung. Sie wird oft verwendet, selten trifft sie zu. Die aktuelle VN-Sonntagsfrage zur Landtagswahl bildet jedoch eine Ausnahme. Die Formulierung „politisches Erdbeben“ ist durchaus angebracht. Schließlich droht der ÖVP ein historisches Debakel, das wohl selbst den sichersten Platz der hiesigen Politikszene ins Wanken bringen könnte: den Stuhl des ÖVP-Landesvorsitzenden.
Vorarlbergs ÖVP setzt an der Spitze seit jeher auf Kontinuität. Markus Wallner ist erst der vierte ÖVP-Chef. Die Durchschnittsdauer eines Parteivorsitzes beträgt 20 Jahre, Wallner führt die Volkspartei seit 2011. Er könnte allerdings erstmals wegen Misserfolgs in die Kritik geraten. Zwar musste sein Vorgänger Herbert Sausgruber einst ein Wahlergebnis von 45 Prozent verkraften, schaffte es danach aber wieder, auf über 50 Prozent zu klettern. Und als 2009 ein neuer Absturz drohte, kam ihm der „Exiljudensager“ von Dieter Egger gerade recht. Sausgruber kündigte die freiwillige Koalition auf, spitzte den Wahlkampf auf ein „ÖVP oder FPÖ“ zu und konnte sich bei über 50 Prozent behaupten.
Dann kam Markus Wallner. Seine Wahlbilanz bisher: 2014 sackte er mit seiner ÖVP auf 41,8 Prozent ab. 2019, mit dem Rückenwind des Erfolgs von Sebastian Kurz, holte er knappe zwei Prozentpunkte mehr – damit jedoch das zweitschlechteste Ergebnis der ÖVP-Geschichte. Nun droht ein weiterer Absturz: 31 Prozent bei der VN-Sonntagsfrage. Inklusive Schwankungsbreite wären es im Moment 35 Prozent. Damit darf die ÖVP mit ihrem Führungsanspruch im Land nicht zufrieden sein, auch wenn die größere Parteienlandschaft und die Krisen der vergangenen Jahre als Rechtfertigung herhalten könnten. Wallner müsste erstmals mit parteiinternem Gegenwind umgehen.
Sein Glück: Umfragen sind Momentaufnahmen, keine Prognosen. Der Wahlkampf hat gerade erst begonnen, und vor der Landtagswahl könnte die Nationalratswahl Rückenwind verschaffen. Selbst eine Niederlage könnte die eigenen Wähler aufgrund des Schocks noch einmal mobilisieren. Und schließlich könnte Wallner selbst bei Sausgruber nachschlagen – oder bei Michael Häupl, wie Politikberater Thomas Hofer sagt: das Duell, das Kopf-an-Kopf-Rennen. Für Wallner und Bitschi wäre diese Zuspitzung hilfreich. Dann sähen sich plötzlich die anderen Parteien damit konfrontiert, keine Rolle mehr zu spielen. Somit könnte das aktuelle Umfrageergebnis auch für Grüne, SPÖ und Neos zur Gefahr werden. Nur eine Partei kann sich zurücklehnen und die Show genießen: die FPÖ.
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