Vorarlberger Bergbauer: “Heuer war das Wetter extrem”

Politik / 05.08.2024 • 19:35 Uhr
Held Bergbauer
Am Bio-Hof der Familie Held beleiben die Jungtiere bei der Mutter. Die Rinder fressen ausschließlich Gras und im Winter Heu. In diesem Jahr war es aufgrund der nassen Witterung besonders schwierig, das Heu rechtzeitig zu ernten. privat

Das Wissen ist da, es muss nichts Neues erfunden werden, um die Landwirtschaft klimafit zu machen, sagt Bio-Bergbauer Rainer Held. Doch Billigprodukte und Wachstum um jeden Preis stehen nachhaltiger Produktionsweise im Weg. Auch der Klimawandel setzt die Bauern unter Druck.

Schwarzach Die traditionelle Berglandschaft wäre in Vorarlberg ohne Bergbauern längst verschwunden. Auch heuer “kratzen” Landwirte wieder die Hänge herunter, wie es Landwirtschaftspräsident Josef Moosbrugger im VN-Interview beschrieb. Die harte Arbeit wird meist durch Familien erledigt. Manuela und Rainer Held sind zwei Beispiele. Sie haben 18 Milchkühe, 70 Mutterschafe plus Nachzucht, Ziegen, Schweine, Pferde und Hühner, alles extensive Rassen. Ihr Hof liegt auf einer Südanhöhe über Schwarzenberg, mit Ausblick auf die malerischen Täler des Bregenzerwaldes. Zunehmend erschwert der Klimawandel die Arbeit. “Heuer war das Wetter extrem”, berichtet Rainer Held im VN-Gespräch.

Seit 1907 ist der Hof im Familienbesitz. 1921 kam die Alpe Buchen im Mellental hinzu, die sich bis auf 1300 Meter Höhe erstreckt. 2001 übernahm Rainer Held den Hof der Eltern und stellte um: Ab 2011 wurde der Viehbestand kontinuierlich reduziert, die Aufzucht der Jungtiere erfolgt muttergebunden, seit 2014 ist der Hof Bio/Demeter zertifiziert. Wichtig ist den Helds die Kreislaufwirtschaft: Es gibt kein Kraftfutter, das Futter wächst rund um den Hof und auf der Alpe. “Wir benötigen gutes Wetter, um das Futter für den Winter zu machen”, sagt Held.

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Rainer und Manuela Held führen ihren Hof im Einklang mit der Natur. Der Druck auf die Bio-Landwirte steigt jedoch. Vor allem Billigprodukte konterkarieren nachhaltige Produktion. Held

Artenreich durch bäuerliche Bewirtschaftung

Die Helds sind ein Beispiel von unzähligen: Mehr als 90 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche Vorarlbergs liegt im Berggebiet, eine noch größere Fläche in den Alpen. Mehr als 40 Prozent der Landwirtschaftsbetriebe in Vorarlberg zählen zu den Bergbauernbetrieben, informiert das Land Vorarlberg. Bergmähwiesen jenseits von 1200 Höhenmetern gelten als besonders artenreiche Lebensräume, die eng mit der bäuerlichen Bewirtschaftung verbunden sind. Wird nicht mehr gemäht und die Bewirtschaftung aufgegeben, verschwinden auch die für Almwiesen typischen, lichtbedürftigen Pflanzen-, Tier- und Pilzgesellschaften, da die Wiesenflächen rasch überwuchert und die Arten verdrängt werden.

Laut Andreas Bohner, Abteilungsleiter für Umweltökologie an der HBLFA Raumberg-Gumpenstein, können auf Bergmähwiesen auf 50 Quadratmetern 35 bis 55 verschiedene Pflanzenarten vorkommen.

Wetterextreme häufen sich

“Es hat schon immer Schlechtwetterperioden gegeben. Aber es häuft sich”, berichtet der Landwirt. Wetterextreme seien stärker geworden, das zeigen auch Zahlen der Versicherer. Laut Hagelversicherung belief sich der Gesamtschaden im Agrarbereich wegen Frost, Hagel, Sturm, Überschwemmung und vor allem Dürre im Vorjahr österreichweit auf 250 Millionen Euro.

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Das Abmähen der nassen Hänge ist auch ein Sicherheitsrisiko. Rainer Held berichtet, dass er selbst bereits gefährliche Situationen erlebt hat. privat

Heuer gab es lange Regenperioden in Vorarlberg. Die werden bei der Futtererzeugung zum Problem, sprich bei der Herstellung von Heu. Durch die Steillagen ist Mähen noch viel schwieriger, es besteht die Gefahr, dass die Maschinen am nassen Hang nicht halten. “Ich bin selbst schon einmal aus einem rutschenden Fahrzeug abgesprungen, nur dadurch bin ich noch am Leben”, schildert Held. Daher ist es bei Nässe lange gefährlich, in den Hang hineinzufahren. Zum einen sind die Maschinen sehr teuer. Aber an erster Stelle steht aber, so Held, die eigene Gesundheit.

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Altes Heu, weniger Eiweiß

“Aber trotzdem weiß man, dass man die Wiese abmähen muss. Wenn das Futter zu alt wird, dann kann ich es vielleicht nur noch als Einstreu nutzen”, berichtet Held von dem Zeitdruck. Denn qualitativ nicht mehr so hochwertiges Heu führt dazu, dass die Kühe weniger Milch geben, nicht mehr so robust und anfälliger für Krankheiten sind. “Dieses Heu ist dann nur mehr ein Magenfüller.”

Kraftfutter lehnt Held nicht nur aus Klimagründen ab: “Das Tier ist nicht dazu gemacht, Kraftfutter zu verwerten. Zudem kommen die Eiweißquellen überwiegend aus Übersee.” Gerade Soja wird in Ländern wie Brasilien meist mit einer schlechten Klima- und Umweltschutzbilanz hergestellt. Held kritisiert, dass das für die Konsumenten selten nachvollziehbar ist: “Die Tiere fressen Soja aus Brasilien, das Fleisch oder die Milch ist dennoch als einheimische Ware deklariert.”

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Wachstum steht Nachhaltigkeit im Weg

Der Preisdruck, dem die Landwirtschaft ausgesetzt ist, sei hoch, sagt Rainer Held: “Klimaschonen, Klimazukunft: Das, was man machen müsste, funktioniert unserer Meinung nach nicht mit dem Wachstum, das momentan stattfindet.” Je größer der Betrieb, umso schwieriger ist es, die Flächen, besonders Hanglagen, in kurzer Zeit zu bewirtschaften. Dieser Widerspruch gilt auch für das original Tiroler Grauvieh am Hof. Die Rasse ist robuster – auch, weil sie nicht so viel leistet. “Das stößt sich wieder mit der Masse. Wir benötigen daher ein anderes Entgelt für unsere Produkte. Aber es steht alles in Konkurrenz mit den Billigprodukten.”

Doch die Klimaveränderungen sind nicht aufzuhalten, es braucht rasche Anpassungen. Und zwar in allen Bereichen, betont Held: “Bodenbewirtschaftung, Haltung, Futter, selbst die Hörner haben eine Auswirkung auf die Verdauung. Aber man muss eigentlich nichts Neues erfinden, das Wissen ist da. Es ist nur alles mit Kosten und Zeitaufwand verbunden.”

Ausgleichszahlungen als Anreiz

Bergmähwiesen bzw. Bergmähder zählen zu den gefährdetsten Lebensräumen Mitteleuropas. Mit Ausgleichszahlungen im österreichischen Agrarumweltprogramm (ÖPUL) werden gezielt Anreize gesetzt, um die bäuerliche Bewirtschaftung und somit die Offenhaltung dieser besonders artenreichen Flächen zu gewährleisten und vor der Verbuschung zu schützen – mit ersten Erfolgen, wie die jüngsten Zahlen beweisen. “Mit der Überarbeitung der ÖPUL-Maßnahme ‘Bewirtschaftung von Bergmähwiesen’ ist es im Vorjahr gelungen, dass die Bergmähwiesenfläche wieder gestiegen ist. Sie beträgt bundesweit rund 15.000 Hektar, was fast wieder dem Niveau von 2015 entspricht”, sagt Josef Moosbrugger, Präsident der Landwirtschaftskammer Österreich.