“Jeder Kunde weiß, er hat den Ikarus gegessen”

Anders als ihr Image, kann die Kuh das Klima schützen. In Vorarlberg gibt es viel Potenzial, berichtet ein Landwirt.
Buch “Man kann Kuh nicht mit Kuh vergleichen”, sagt Bertram Martin. Aktuell stehen die Mutterkühe mit ihren Kälbern und die Rinder des Biolandwirts auf einer saftigen Almweide in der Alpe Äußere Bödmen unter dem Faschinapass. Ein “typisches Grünlandgebiet mit viel Niederschlag”, wie er den VN berichtet. Die Tiere finden dort alles, was sie brauchen, benötigen kein zusätzliches Futter und tragen damit auch zum Klimaschutz bei.
Kühe sind somit zu Unrecht in Verruf gekommen, „Klimakiller“ zu sein. Die Tiere stoßen zwar Methan aus, etwa 100 Kilogramm pro Jahr und dieses Gas ist zehn- bis zwanzigmal schädlicher für das Klima als Kohlenstoffdioxid (CO2). Dennoch kann das Tier auch zur Bindung von CO2 beitragen – es kommt auf den Umgang des Menschen mit dem Nutztier an.
Nahrungskonkurrent des Menschen
Statt auf Hochleistungszucht mit allen bekannten gesundheitlichen, ethischen und ökologischen Problemen zu setzen, hat das Rind am Martinshof mehr Zeit zum langsamen und artgerechten Wachstum. “Unser Wiederkäuer bekommt nichts, was der Mensch essen könnte: Keinen Mais, kein Soja, kein Getreide wird zugekauft. Das Tier lebt oft doppelt so lang und hat es bei uns gut”, sagt Martin. Sowohl männliches als auch weibliches Kalb kann so lange bei der Mutter trinken, wie sie Milch gibt.
Mitte Mai bis etwa circa Mitte September sind die Tiere Tag und Nacht im Freien, auf ca. 1300 bis 1500 Meter Seehöhe. Vor und nach der Alpzeit sind sie so lange wie möglich auf der Weide und in der kältesten Jahreszeit im Laufstall mit Laufhof. “Alles, was bei uns rund um den Hof und auf der Alpe wächst, wird zu Fleisch veredelt”, erklärt Martin die Kreislaufwirtschaft. Vorarlberg eignet sich geographisch besonders gut für diese Art der Bewirtschaftung. 40 Prozent aller Flächen in Vorarlberg sind Grünland.

Acker vs. Weide
Die schlechteste Bilanz in der Landwirtschaft hat Ackerland – das den Wald und Grasland zunehmend verdrängt, da immer größere Flächen für Viehfutter genutzt werden, erklärt Anita Idel. Sie ist Tierärztin und Autorin des Weltagrarberichts. Sie beschäftigt sich mit den “Koevolutionspartnern” Weidetier und Boden. Über Jahrmillionen hätten sie sich aneinander angepasst, zum Vorteil beider Partner, wie Idel in ihrem Buch “Die Kuh ist kein Klimakiller” und zahlreichen wissenschaftlichen Artikel beschreibt.
Die wichtigsten Ackerkulturen, wie Getreide, Mais oder Kartoffeln zehren den wertvollen Kohlenstoffspeicher auf. Auf Höchstleistung gezüchtete Milchkühe und Mastrinden benötigen Kraftfutter und werden damit zum Nahrungsmittelkonkurrenten des Menschen.
Für den Boden bedeute es also einen großen Unterschied, ob er als Grünland genutzt wird oder als Acker. Gräser tolerieren den Biss durch Weidetiere wie die Kuh nicht nur, sondern bekommen dadurch einen Wachstumsimpuls. Die Photosynthese bei den Gräsern nimmt durch die Beweidung zu, das bindet verstärkt CO2 aus der Atmosphäre. Ungenutztes Grasland verbuscht und verwaldet.

Zielgerichtet
Martin berichtet im Gespräch mit den VN über die Dimensionen: Ein Prozent mehr Humusgehalt im Boden bedeutet, dass 30 bis 40 Tonnen mehr CO2 gespeichert werden. “Die Untersuchung unserer Böden weisen einen Humusanteil von mehr als 15 Prozent auf. Im Vergleich: bei einem Ackerboden gibt es Werte von ein bis zwei Prozent.”
Die Lösung könne also nicht lauten, keine Kuh mehr zu halten, sagt Martin. 22 Euro kostet das Kilo Bio-Heurindfleisch vom Martinshof im 5-Kilogramm-Mischpaket, inklusive Name des Tieres. “Jeder Kunde weiß, er hat Ikarus gegessen. Das war das letzte Rind, das wir geschlachtet haben. Das gibt dem allen natürlich eine ganz andere Wertigkeit.”
Vorarlberg eignet sich geographisch für diese Art der Bewirtschaftung besonders gut. “Wir hatten heuer schon 1000 mm Niederschlag. Viel Regen gibt viel Grünland”, sagt Martin. Dennoch gibt es kein Patentrezept für alle Landwirte, der finanzielle Druck sei mittlerweile riesig – auch in Vorarlberg. Die Familie Martin habe engen Kontakt mit circa 100 Bauern in der Region. Alle seien bereit, so zu arbeiten, wenn sie davon leben können. Nicht jeder Bauer, der nicht so wirtschaftet, ist zu verurteilen, betont er. Jeder Mensch müsse sich nach seinen Möglichkeiten richten: “Wir haben eine Alpe geerbt, dadurch tun wir uns natürlich leichter als vielleicht ein Jungübernehmer, der im Dorfkern seinen Betrieb hat.”
