Flucht vor Ukraine-Krieg: “Wir müssen wieder von vorne beginnen”

Politik / 02.05.2024 • 14:00 Uhr
Ankunftszentrum der Ukraine FlŸchtlinge, Bilder von Ukrainerin/Ukrainer, die uns ihre Herberge in Nenzing zeigen und uns ein wenig von ihrer Fluchtgeschichte erzŠhlten
Vor rund zwei Wochen kamen Kristina und Jefgeni nach Nenzing. Das junge Paar ist erleichtert. VN/Steurer

In Nenzing kommen noch immer ukrainische Kriegsvertriebene an. Im Ankunftszentrum können Monate verstreichen. Job- und Wohnungssuche sind schwierig.

Nenzing Kinder plantschen im Freibad, bezaubernde Gärten schmücken die Siedlungen. Daneben steht eine Halle. Drinnen: Rigips-Wände statt Gartenzäune. Sie trennen den großen Raum in 24 Kojen und einen Essbereich. In den Gängen sind Bierbänke aufgebaut, über die Böden ziehen sich Spuren, die Kinder mit ihren Laufrädern hinterlassen haben. Es ist wie in einer anderen Welt. Und doch ist es nur eine Halle.

Ankunftszentrum der Ukraine FlŸchtlinge, Bilder von Ukrainerin/Ukrainer, die uns ihre Herberge in Nenzing zeigen und uns ein wenig von ihrer Fluchtgeschichte erzŠhlten
Viele der Kriegsvertriebenen sind Familien. VN/Steurer

Jefgeni (28) lächelt, als er die Tür zu seinem Zimmer öffnet. Seit zwei Wochen lebt der Ukrainer mit seiner Frau Kristina (30) in Nenzing. Die Erleichterung, die sie ausstrahlen, ist schwer in Worte zu fassen. Sie ist allgegenwärtig. Lange hatte das Paar gewartet. Lange blieben die beiden in der Ukraine, wo sie nahe der Hauptstadt lebten. Als im Umkreis von zwei Kilometern wiederholt Raketen einschlugen, sind sie gegangen. Zuerst nach Bukarest, dann mit dem Flugzeug nach Wien und schlussendlich mit dem Zug nach Nenzing. Dort hat die Landesregierung ein Ankunftszentrum für ukrainische Kriegsflüchtlinge eingerichtet.

Ankunftszentrum der Ukraine FlŸchtlinge, Bilder von Ukrainerin/Ukrainer, die uns ihre Herberge in Nenzing zeigen und uns ein wenig von ihrer Fluchtgeschichte erzŠhlten
ORS-Regionalleiter Alexander Stöckler muss für alles gerüstet sein. Hinter ihm ist der Essbereich im Ankunftszentrum zu sehen. VN/STEURER

95 Menschen finden in der alten Tennishalle in Nenzing Platz. Die jüngste Bewohnerin ist ein Jahr, der älteste 93 Jahre alt. Derzeit liegt die Auslastung bei rund 75 Prozent, erzählt Alexander Stöckler, Regionalleiter des Flüchtlingsbetreuungsunternehmens ORS. Momentan sei es zwar relativ ruhig, nach wie vor kämen aber Kriegsvertriebene an. „Wir rechnen damit, dass sich noch was tut.“ Auch Jefgeni und Kristina gehen davon aus, dass sich die Lage zuspitzen wird. „Russland bereitet den nächsten Angriff vor“, ist der 28-Jährige überzeugt. Männer, die bisher ihres Berufs wegen nicht verpflichtet worden seien, müssten nun auch zum Militär.

Ankunftszentrum der Ukraine FlŸchtlinge, Bilder von Ukrainerin/Ukrainer, die uns ihre Herberge in Nenzing zeigen und uns ein wenig von ihrer Fluchtgeschichte erzŠhlten
Karinas größter Wunsch ist, dass ihre Kinder eine Zukunft haben. Mit ihrem Mann möchte sie selbständig werden. Schon in der Ukraine hatten sie eine Kfz-Werkstatt. VN/Steurer

In einer Koje unweit des jungen Paars lebt Karina mit ihrer Familie. Sie flüchtete im Jänner mit ihrem Mann und ihren drei Söhnen aus der Ukraine. „Wir haben viel Zeit damit verbracht, uns darauf vorzubereiten.“ Zwei Tage seien sie mit dem Auto unterwegs gewesen. Ihr Sohn, der kurz vor seinem 18. Geburtstag stand, wäre wohl eingezogen worden. „Die Kinder hatten viel Angst“, erzählt die 45-Jährige von ihren 5- und 8-jährigen Buben. Der immer wiederkehrende Luftalarm prägte ihren Alltag nahe Kiew. Die beiden Jungs besuchen mittlerweile Kindergarten und Volksschule in Nenzing. Der ältere Sohn mache einen Sprachkurs und wolle arbeiten: „Für meine Kinder gibt es hier eine Zukunft“, sagt Karina. Darum wolle sie bleiben. Ein Leben aufbauen. „Mit 45 Jahren muss ich wieder von vorne beginnen.“ Karina ist gelernte Bankkauffrau, ihr Mann hatte als Mechaniker eine eigene Werkstatt. „Service, Reparatur, er kann alles.“ Es werde langweilig ohne Beschäftigung. Bislang sei es aber schwierig gewesen, einen Job zu finden. Noch schwieriger wird es beim Wohnraum für die fünfköpfige Familie. Sie leben aktuell zusammen in einer Koje. Viel Platz bleibt neben den einfachen Holzkästen, dem weißen Plastikschreibtisch, den Kleiderständer und dem Spindschrank nicht.

Ankunftszentrum der Ukraine FlŸchtlinge, Bilder von Ukrainerin/Ukrainer, die uns ihre Herberge in Nenzing zeigen und uns ein wenig von ihrer Fluchtgeschichte erzŠhlten
Derzeit sind nicht alle Zimmer belegt. Das kann sich aber schnell ändern. VN/Steurer

„Es ist schwierig zu sagen, wie lange die Menschen bei uns bleiben“, erklärt ORS-Regionalleiter Stöckler. Der Wohnungsmarkt gebe immer weniger her. Die Caritas Flüchtlingshilfe helfe den Kriegsvertriebenen bei der Suche. Manche blieben für drei Wochen im Ankunftszentrum in Nenzing, bei anderen könne es mehrere Monate dauern. Das hänge auch von den Bedürfnissen ab. Personen mit Gehbehinderung brauchen zum Beispiel einen ebenerdigen Zugang zu ihrer Wohnung. Auch bei Haustieren sei die Vermittlung schwieriger.

Ankunftszentrum der Ukraine FlŸchtlinge, Bilder von Ukrainerin/Ukrainer, die uns ihre Herberge in Nenzing zeigen und uns ein wenig von ihrer Fluchtgeschichte erzŠhlten
Die ORS-Mitarbeiter Alexander Stöckler (l.) und Lutz Hahn führten durch die Gänge des Ankunftszentrums. VN/Steurer

Ukrainische Flüchtlinge bekommen derzeit 40 Euro Taschengeld und 12,5 Euro Bekleidungspauschale. Wollen sie sich etwas dazu verdienen, können sie im Ankunftszentrum bei Reinigung und Hilfsarbeiten mitanpacken. Die Verpflegung stellt ein Catering, da es keine Gemeinschaftsküche gibt. Einmal pro Woche kommt ein Arzt oder eine Ärztin ins Ankunftszentrum. Zwei Mal pro Woche sind Ehrenamtliche für Deutschkurse anwesend. Viel mehr Fixpunkte gibt es nicht.

Ankunftszentrum der Ukraine FlŸchtlinge, Bilder von Ukrainerin/Ukrainer, die uns ihre Herberge in Nenzing zeigen und uns ein wenig von ihrer Fluchtgeschichte erzŠhlten
Mangels Gemeinschaftsküche wird das Essen zu Mittag und am Abend gebracht. Das Frühstück bereiten die ORS-Mitarbeiter zu. VN/Steurer

Kristina und Jefgeni wollen sich Schritt für Schritt in ihr neues Leben wagen. Vorarlberg tue ihnen gut. Die Anspannung lasse nach. „Wir wollen nun die Sprache lernen und schnell auf A2-Niveau kommen“, erzählt Jefgeni. Er habe bis zuletzt als Laborarzt in einem Pharma-Betrieb gearbeitet. „Wir wollen unser Diplom anerkennen lassen“, sagt Kristina, die gelernte Pharmazeutin ist. Eine Wohnung und ein Job sind das Ziel. „Wir wollen auch eine Familien gründen. Diese Möglichkeit sehen wir in der Ukraine nicht.“ Niemand wisse, wie lange der Krieg dauere. „Zuerst glaubten wir, er ist in ein paar Tagen vorbei, dann in ein paar Wochen, dann in ein paar Monaten. Jetzt ist kein Ende in Sicht“, sagt Jefgeni.

Ankunftszentrum der Ukraine FlŸchtlinge, Bilder von Ukrainerin/Ukrainer, die uns ihre Herberge in Nenzing zeigen und uns ein wenig von ihrer Fluchtgeschichte erzŠhlten
Die Kojen bieten ein wenig Privatspäre. An den Lärmpegel, der durch das Zusammenleben der Dutzenden Kriegsvertriebenen entsteht, gewöhne man sich schnell, erzählt Kristina. VN/Steurer

Der Krieg hat den Menschen Perspektiven genommen. Das Ankunftszentrum in Nenzing ist eine andere Welt für sie. Es ist zu ihrem Tor in eine neue Zukunft geworden. „Ich bin dankbar“, sagt Karina. Jefgeni und Kristina geht es besser, als vor ihrer Flucht: „Endlich können wir wieder durchatmen.“

Ankunftszentrum der Ukraine FlŸchtlinge, Bilder von Ukrainerin/Ukrainer, die uns ihre Herberge in Nenzing zeigen und uns ein wenig von ihrer Fluchtgeschichte erzŠhlten
Lokalaugenschein im Ankunftszentrum. Das Personal von ORS steht den Kriegsvertriebenen rund um die Uhr zur Verfügung. 14 Personen arbeiten in Nenzing. Regionalleiter Alexander Stöckler (r.), Lutz Hahn (Kommunikationsabteilung) und Birgit Entner-Gerhold (VN).

Aufenthaltsrecht für Ukrainerinnen und Ukrainer

Ukrainische Kriegsvertriebene erhalten derzeit in Österreich ein vorübergehendes Aufenthaltsrecht. Sie sind krankenversichert, kommen in die Grundversorgung und haben ab dem ersten Tag vollen Zugang zum Arbeitsmarkt. Aktuell leben rund 2500 Kriegsvertriebene in 82 der 96 Vorarlberger Gemeinden, etwa 1500 davon in der Grundversorgung. Das Aufenthaltsrecht gilt vorerst bis März 2025. Die Bundesregierung geht davon aus, dass es bei fortlaufendem Krieg nochmals verlängert wird. Geschieht dies nicht, soll die Rot-Weiß-Rot-Karte Abhilfe leisten und qualifizierten Ukrainerinnen und Ukrainern ermöglichen zu bleiben. Die Hürden sind allerdings hoch. Anderenfalls könnten die Kriegsvertriebenen einen Asylantrag stellen, sollte das Aufenthaltsrecht tatsächlich auslaufen.