Wolfgang Burtscher

Kommentar

Wolfgang Burtscher

Späte Einsicht

Politik / 18.12.2023 • 08:00 Uhr

„Bald ein Hauch von Universität im Land.“ Das war der VN-Aufmacher vom Mittwoch. Für das am Dornbirner Campus V geplante Informatik-Institut wurden endlich die Chefs gefunden. Ab Februar hat Vorarlberg wenigstens diese Außenstelle der Universität St. Gallen.

Jetzt ist auch eine Medizin-Uni im Gespräch, aber noch lange nicht in trockenen Tüchern

Landeshauptmann Wallner spricht von einem „Meilenstein für die Zusammenarbeit von Wirtschaft und Wissenschaft“. Zehn Millionen Euro machen Land, illwerke vkw und heimische Firmen locker. Das kommt um Jahrzehnte zu spät und bedeutet ein völliges Umdenken von Politik und Wirtschaft. Noch in den Siebzigerjahren hat sich einzig die Vorarlberger SPÖ für universitäre Einrichtungen ausgesprochen und ihre guten Kontakte zur damaligen SPÖ-Alleinregierung genutzt, um für eine Uni zu werben. Der Historiker Meinrad Pichler hat nachgewiesen, dass die ÖVP damals kein Interesse hatte, den Zugang zu höherer Bildung zu erleichtern. Die Furcht vor der Unangepasstheit akademisch gebildeter Landeskinder habe dazu geführt, dass Angebote des Bundes zur Gründung universitärer Einrichtungen abgelehnt worden seien.

Die Innsbrucker Historikerin Ingrid Böhler meint, den Vorarlberger Wissenschaftsphilosophen Rudolf Wohlgenannt zitierend, dass es in Vorarlberg an einer parteiübergreifenden „pressure group“ und an einflussreichen Stimmen aus Wirtschaft und Kultur gefehlt habe, während Salzburg, Oberösterreich und Kärnten sehr wohl schlagkräftige Initiativen gehabt und letzten Endes auch ihre Unis bekommen hätten. Vorarlberg sei einfach zu bescheiden gewesen und zu sparsam, habe zu sehr an Nützlichkeitserwägungen gehangen, es habe an Selbstbewusstsein gefehlt. An den Folgen leiden wir noch heute. Vorarlberg hat eine erschreckend niedrige Akademikerquote, wie der Historiker und Journalist Markus Barnay in der Zeitschrift „Kultur“ vorgerechnet hat. Es studieren knapp 16 Prozent der Vorarlberger im Alter zwischen 18 bis 25 an einer Uni, österreichweit fast doppelt so viele, im OECD-Durchschnitt noch mehr.

Doch das Umdenken ist evident, in Politik, Wirtschaft und Kultur. Frei nach Schiller: „Spät kommt sie (die Einsicht), doch sie kommt.“ Jetzt sagt der Präsident der Industriellenvereinigung, Elmar Hartmann, dass zu viele junge Menschen wegen fehlender Bildungsmöglichkeiten Vorarlberg verlassen und nicht zurückkehren. Die nunmehrige AK-Direktorin Eva King: “Uns fehlt schlichtweg alles, was mit einer Uni zusammenhängt. Die jungen, kritischen und engagierten Leute, die lehrenden und forschenden Akademiker, aber auch kapitalkräftige Investoren, die von Spitzenforschung angezogen werden.” Der Direktor des Jüdischen Museums, Hanno Loewy: “Gäbe es hier universitäre Strukturen, würde auch das Niveau der schulischen Ausbildung steigen.” Der Unternehmer Jodok Batlogg: „Spitzenkräfte der Industrie brauchen eine passende Infrastruktur, wenn man sie an den Bodensee locken möchte“ (alle Zitate aus „Kultur“).

Nachdem bei unserem Paradethema, der Architektur, die Liechtensteiner uns mit einer eigenen Uni überholt haben (mit beträchtlichem Geld), haben wir wenigstens die Privatuni Stella mit Anziehungspotenzial auch für Musik-Studenten von weither. Jetzt ist auch eine Medizin-Uni im Gespräch, aber noch lange nicht in trockenen Tüchern. Dazu meinte gerade bei der Verleihung des Durig-Böhler-Preises der renommierte Orthopäde vom LKH Feldkirch, René El Attal: „Das ist ein Zukunftsprojekt mit unendlich vielen Chancen. Es ließe sich nicht nur dem Mangel an medizinischem Personal entgegensteuern, dies würde auch die Wirtschaft befruchten, denn ohne Wissenschaft gibt es keine Weiterentwicklung.“

Wolfgang Burtscher, Journalist und ehemaliger ORF-Landes­direktor, lebt in Feldkirch.