Simon und seine Strapazen mit der Zugstrecke nach Wien

Im Jahr 2023 wird der Zugverkehr am Deutschen Eck an über 120 Tagen eingeschränkt gewesen sein, 2027 steht sogar eine halbjährige Sperre an. Sehr zum Leidwesen der regelmäßigen Pendler in den Osten Österreichs.
Wien, Bregenz Oft fährt Simon Ehe nicht hin und her. Viermal im Jahr besucht der 25-Jährige seine Familie in Röns und steigt dafür in Wien in den Zug. Doch nur schon für diese vier Fahrten jährlich muss Simon teils viel Geduld mitbringen: „Die Qualität der Zugfahrten nach Vorarlberg hat in den letzten Jahren definitiv nachgelassen“, sagt der Student den VN und sei mit diesem Eindruck nicht allein: „Die Verspätungen sind bei uns immer wieder Thema.“ Ehe engagiert sich in der Studierenden-Sektion im Verein der Vorarlberger in Wien.
Korridorstrecke „ein Zustand“
Tatsächlich mussten Zugreisende zwischen dem Osten und dem Westen Österreichs heuer viel Geduld mitbringen: Im Jahr 2023 wird das Deutsche Eck an 128 Tagen nur eingeschränkt oder überhaupt nicht befahrbar gewesen sein, erst letzte Woche wurden zahlreiche Railjets wegen einer Baustelle über Zell am See umgeleitet. Die Folge: eine Verlängerung der Fahrzeit um zwei Stunden. Und das nächste Großprojekt zwischen Wörgl und Salzburg bahnt sich bereits an: 2027 wird am Deutschen Eck eine halbjährige Totalsperre fällig. Über die geplante Generalsanierung der Strecke berichtete die Tiroler Tageszeitung.

Für den Vorarlberger Mobilitätslandesrat ist die Korridorstrecke über Deutschland „ein Zustand“, wie er den VN berichtet: „Wir haben ganz stark darauf hingewiesen, was das für uns in Vorarlberg bedeutet, wenn dieser Abschnitt gesperrt ist“, sagt Daniel Zadra. Gerade bei der Planung der Bauarbeiten hoffe er noch auf ein gewisses Entgegenkommen von deutscher Seite: „Ich glaube nicht, dass die Sperre schlussendlich ein halbes Jahr lang dauern wird. Da muss man schon noch einmal über die Bücher gehen.“
„Wir haben ganz stark darauf hingewiesen, was das für uns in Vorarlberg bedeutet, wenn die Arlbergstrecke gesperrt ist.“
Daniel Zadra, Mobilitätslandesrat (Die Grünen)
Christoph Gasser-Mair, Pressesprecher der ÖBB für Tirol und Vorarlberg, betont die Anstrengungen, „um die Beeinträchtigungen im Interesse der Fahrgäste möglichst zu reduzieren“. Dass die Strecke die Generalsanierung nötig habe, bestreitet Zadra nicht: „Die Infrastruktur im ganzen deutschen Bahnnetz unterliegt einem extremen Investitionsstau.“ Irgendwann sei dann aber ein natürliches Limit erreicht.
Wunsch nach Arlberg-Basistunnel schon deponiert
Also muss eine andere Lösung her, um das Fahrerlebnis zwischen Wien und Vorarlberg zu verbessern. Simon Ehe würde etwa darüber nachdenken, öfter nach Hause zu fahren, wenn er dafür nicht mehr als sechs Stunden im Zug sitzen müsste, sondern kürzer. Hierzu würde ein Arlberg-Basistunnel etwas beitragen. Gemeinsam mit seinem Tiroler Amtskollegen René Zumtobel deponierte Zadra den Wunsch nach dieser Zukunftsvision bereits im letzten Jahr in der Bundeshauptstadt.
„Der Attraktivierung bzw. dem Ausbau der Weststrecke wurde und wird seitens der ÖBB-Infrastruktur hohes Augenmerk geschenkt.“
Christoph Gasser-Mair, Pressesprecher ÖBB (Tirol und Vorarlberg)
Doch die ÖBB zeigen sich bezüglich dieses Mega-Projekts skeptisch. Damit sich dieses lohne, müssten sich die europäischen Verkehrsflüsse deutlich verschieben, etwa mit mehr Güterverkehr aus Süddeutschland über Vorarlberg und das Tiroler Oberland nach Italien, heißt es von den ÖBB zu den VN: „Damit würde hier eine neue Transitachse mit allen negativen Folgen für die Bevölkerung entstehen.“ Passiere das nicht, wäre der Arlberg-Basistunnel „nicht ausreichend ausgelastet“, etwa weil Tourismusorte bereits durch die Bestandsstrecke gut angebunden seien.

Bereits jetzt sei das untere Rheintal über München außerdem schneller mit dem Osten Österreichs verbunden als über den Arlberg: „Der Reisezeitvorteil wird durch Maßnahmen im deutschen Netz noch zunehmen”, heißt es von den ÖBB. Es gebe derzeit aber keine Überlegungen, die Railjets, die von Wien nach München fahren, in Zukunft nach Bregenz weiterzuführen.
Ein Blick auf die Situation ab 2040
Daniel Zadra versteht diese Aussagen von der ÖBB aber nicht als Absage an einen Basistunnel: „Das ist nicht vom Tisch, wir alle wissen, dass dieses Projekt eine langfristige Perspektive braucht.“ Der Arlberg werde immer eine bedeutende Rolle spielen, auch wegen des Zustands der deutschen Infrastruktur. Deshalb sei sich die Landesregierung darüber einig, dass man die Grundlagen für die Entscheidung über den Tunnel erarbeiten muss.
„Spannend sind immer die Verspätungen, die ohne Grund passieren. Der Zug bleibt am Deutschen Eck nirgends stehen, trotzdem ist man in Salzburg plötzlich zu spät dran.“
Simon Ehe, Master-Student (Wirtschaftsingenieurwesen/Maschinenbau) aus Röns in Wien
So eine „verkehrlich-technische Analyse“ über einen Zeithorizont ab 2040 sichert die ÖBB zu. Und sie sichert zu, weiter Verbesserungen für die Arlbergstrecke anzugehen: „Der Attraktivierung der Weststrecke wird seitens der ÖBB hohes Augenmerk geschenkt“, sagt Christoph Gasser-Mair. Zadra hofft hier vor allem auf einen weiteren zweigleisigen Ausbau.
Damit die Züge wieder etwas pünktlicher sein können. Und damit Simon Ehe die Heimreise wieder vollends genießen kann: „Ich stell mich halt immer drauf ein, wie es kommt.“
„Ändern kann ich es eh nicht.“