Caritas: “Österreich ist eines der Länder in Europa, die am wenigsten für die humanitäre Hilfe ausgeben”

Neues Caritas-Führungsduo nimmt die österreichische Regierung in die Pflicht.
Götzis Die Österreichische Caritas hat in Götzis ihre neue Spitze gewählt. Neue Caritas-Präsidentin ist die Steirerin Nora Tödtling-Musenbichler. Ihr neuer Vizepräsident ist der Wiener Alexander Bodmann. Im Interview mit den VN spricht das neue Führungsduo der Caritas über die Situation der Menschen im Land und fehlende Rahmenbedingungen in der Bekämpfung von Armut. Die Caritas nimmt da auch die Politik in die Pflicht.
Welchen Unterschied macht es, ob eine Laiin wie Sie oder ein Priester wie Ihr Vorgänger Michael Landau an der Spitze der Caritas steht?
Nora Tödtling-Musenbichler: Auch mein Vorvorgänger Franz Küberl war ein Laie, der erste Laie damals an der Spitze der Caritas. Übrigens auch aus der Steiermark. Er hat gezeigt, dass es gelingen kann. Michael Landau war als Priester ein großartiger Präsident der Caritas. Und jetzt kommt wieder eine neue Zeit. Für mich ist es einerseits als Laie, aber auch als Frau an der Spitze etwas Besonderes. Mein Anliegen ist es, dass ich ganz nah bei den Menschen bin, dass ich sehr direkt aus der Arbeit heraus gekommen bin und aus dem Glauben heraus lebe. Das heißt, es ist nicht unbedingt ans Priester-Sein gebunden.
Wie geht es den Menschen in Österreich?
Nora Tödtling-Musenbichler: Der Kernauftrag der Caritas ist es, Not zu sehen und zu helfen. Und ja, wir sehen Not. Wir sehen Menschen, die aufgrund der Teuerung und der wirtschaftlichen Situation in Not geraten sind. Da müssen wir hinschauen, aber auch darauf aufmerksam machen, dass es andere Rahmenbedingungen braucht und Menschen Unterstützung benötigen, damit sie nicht weiter in Not geraten. Der Andrang in unseren Beratungsstellen wächst. Es kommen immer mehr Menschen zu uns, die vorher nicht geglaubt haben, jemals mit der Caritas in Berührung zu kommen.

Was bereitet den Menschen im Land die größten Probleme?
Tödtling-Musenbichler: Dass das Leben teurer geworden ist. Dass es immer mehr Menschen gibt, die bei uns in den Lebensmittelausgabestellen anstehen. Ja, es muss in Österreich keiner erfrieren oder verhungern. Aber es gibt Menschen, die hungern. Und es gibt Kinder, die ohne Jause in die Schule gehen müssen. Das sind Warnsignale. Es braucht ein soziales Netz, das trägt und Sicherheit gibt. Und das kann gelingen, indem die Sozialleistungen so angehoben werden, damit trotz Teuerung das Leben bewältigt werden kann. Aber es braucht auch Rahmenbedingungen, damit Menschen sich Wohnen leisten können, bei den Energiepreisen unterstützt werden und das Leben einfach wieder selbst in die Hand nehmen können.
Wo muss bei der Sozialhilfe angesetzt werden?
Tödtling-Musenbichler: Sie ist einer der großen Hebel, da muss etwas getan werden. Wir brauchen einheitliche Lösungen, es darf keinen Unterschied machen, ob ich in Wien, Vorarlberg oder der Steiermark bin. Außerdem braucht es eine Anhebung des Arbeitslosengeldes und der Notstandshilfe, damit Menschen nicht noch einmal auf andere Unterstützungen angewiesen sind.
Welche Rahmenbedingungen müssen noch geändert werden?
Tödtling-Musenbichler: Ein großes Thema ist die Frauenarmut. Wir merken, dass viele Menschen in den Sozialberatungsstellen Frauen sind. 60 Prozent der von Armut Betroffenen sind Frauen, zum Teil auch mit ihren Kindern. Da müssen strukturelle Rahmenbedingungen geändert werden. Wir brauchen gute Kinderbetreuungsplätze, damit Frauen Vollzeit arbeiten können. Und für Care-Arbeit braucht es eine größere Anerkennung und Bezahlung, damit auch Frauen nicht weiter in die Armutsspirale sinken.

Beachtet die Politik die Situation der armen Menschen in Vorarlberg genug? Oder fehlt der Blick darauf?
Tödtling-Musenbichler: Ich glaube nicht, dass der Blick darauf fehlt. Aber vieles ist notwendig anzusprechen, gerade was die wirtschaftliche Situation und die Armut in Österreich betrifft. Wir können auch den Klimawandel nicht ohne soziale Aspekte denken. Wenn wir merken, dass diese Aspekte wieder in den Hintergrund rücken, ist es unsere Aufgabe, dorthin zu schauen.
Kriege, Teuerung, Klimawandel – die Probleme sind ja international. Wie sieht die Situation für die Caritas denn außerhalb Österreichs aus?
Alexander Bodmann: Ja, Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine, Terror im Nahen Osten, Klimakrise und Umweltkatastrophe, Erdbeben in Syrien und der Türkei, Marokko und Libyen, Überschwemmungen. Die Caritas ist dort überall, wir haben ein Netzwerk von 169 Organisationen weltweit.

Sind Sie mit der Unterstützung der Republik zufrieden?
Bodmann: Österreich ist eines der Länder in Europa, die am wenigsten für die humanitäre Hilfe ausgeben. Österreich hat sich schon vor vielen Jahrzehnten dazu verpflichtet, 0,7 Prozent des Bruttonationalprodukts in Entwicklungshilfe zu investieren. Das sind Investitionen in die Zukunft des Planeten und damit auch in die Zukunft der Österreicherinnen und Österreicher. Wir haben 2014, 2015 in Syrien gesehen, was es zur Folge hat, wenn nicht genug Essen da ist, wenn nicht genug Bildung da ist. Dann machen sich die Menschen auf den Weg. Da hat Österreich eine internationale Verantwortung. Das gilt auch bei der Eindämmung der Klimakrise. Die ärmsten Menschen des Planeten sind am stärksten betroffen. Es liegt in unserer Verantwortung, dass wir das ausgleichen.
