Die vergessenen Menschen Europas

Politik / 24.11.2023 • 08:00 Uhr
Die vergessenen Menschen Europas

Roma in Bulgarien hausen teilweise in unvorstellbaren Verhältnissen.

Sofia Malki Iskar ist ein kleines bulgarisches Dorf. Es liegt rund 65 Kilometer Luftlinie von der Hauptstadt Sofia entfernt. Die Menschen im Dorf sind zum Großteil Roma, sie sind arm, haben keine Arbeit, leben isoliert und kämpfen mit Vorurteilen. Die Familien in diesem Dorf sammeln Müll oder Altmetall, um zu überleben, manche Kinder müssen hungern, es fehlt am Nötigsten. Zum Beispiel bei Christian.

Boyana und Christian. <span class="copyright">Concordia</span>
Boyana und Christian. Concordia

Christian lebt mit Boyana in einem winzigen baufälligen Haus am Rande des Dorfs in einer Art Slum, einer sogenannten Mahala. Christian ist sieben Monate alt, ein Frühchen, Mama Boyana ist 19 Jahre alt. Im Haus gibt es nicht einmal fließendes Wasser, das Baby atmet schwer, selbst Christian fehlt es an Nahrung, erzählt Mama Boyana. Schon kurz nach der Geburt kämpfte das Baby mit Infektionen. Boyana sagt: “Mein Baby braucht dringend Medikamente und regelmäßige Untersuchungen. Aber wir können sie nicht bezahlen.”

Hier lebt Boyana mit Christian und ihrem Mann. <span class="copyright">Concordia</span>
Hier lebt Boyana mit Christian und ihrem Mann. Concordia

Jedes dritte Kind in Bulgarien ist armutsgefährdet. Das Land bildet damit das Schlusslicht der EU-27. Nach Ansicht von Experten bremsen politische Instabilität, Vorurteile und Desinformation Fortschritte im bulgarischen Sozialsystem. Es sind vor allem Roma, die von Armut betroffen sind. 46,5 Prozent der armen Kinder in Bulgarien gehören laut UNO-Kinderhilfswerk UNICEF der Minderheit an, obwohl Roma keine zehn Prozent der Bevölkerung ausmachen. Ein großer Teil lebt in Zuständen, die manche in der EU nicht für möglich halten würden: in Baracken ohne Anschluss an Fließwasser, Strom, Kanal oder Müllabfuhr.

Kinder, die in großer Armut aufwachsen, haben ohne Hilfe wenig Chance, den Kreislauf des Elends zu durchbrechen. Von 47 Roma-Schulkindern, die sie betreuen, könnten es vielleicht 15 schaffen, sagt Jordanka Iwanowa, die Leiterin des Concordia-Tageszentrums “Malki Iskar”.

Iwanowa zählt die Roma-Familie von Biljana zu den Hoffnungsträgern. Die 25-jährige Biljana hat fünf Kinder. Drei davon besuchen täglich nach der Schule das Zentrum, das Kindern und Müttern pädagogische, gesundheitliche, psychologische, soziale Unterstützung sowie Essen und Duschen anbietet.

Biljana  mit einem ihrer fünf Kinder. <span class="copyright">APA</span>
Biljana mit einem ihrer fünf Kinder. APA

Biljana wohnt mit ihrem Mann, einem Forstarbeiter, und den fünf Kindern ebenfalls in der Mahala nahe Malki Iskar. Die siebenköpfige Familie haust in einem undichten, kaum mehr als zehn Quadratmeter großen früheren Lkw-Container, und schläft in nur drei Betten. Über WC oder Dusche verfügen sie nicht. Wasser müssen sie von der einzigen Wasserstelle der Siedlung holen. Der Kühlschrank und die SAT-Schüssel funktionieren mit Strom, den sie sich von einer Leitung abgezweigt haben. Vor den löchrigen Baracken quillt der Müll. Wenn es regnet, versinkt der Weg im Schlamm. Drei von Biljanas Kindern besuchen trotz dieser Umstände jeden Tag die Schule.

Ein Ort, den auch Christian vielleicht irgendwann besuchen kann.

Hier wohnt die Familie von Biljana. <span class="copyright">APA</span>
Hier wohnt die Familie von Biljana. APA

Die Concordia Hilfsorganisation wird vom Vorarlberger Pater Markus Inama geleitet und sammelt Spenden für Projekte wie das Tageszentrum in Malki Iskar. Spenden unter: www.concordia.or.at/spenden/