Wie Menschen verzweifelt nach leistbaren Wohnungen suchen

Fast 6000 Menschen befinden sich in einer Gemeinde auf einer Warteliste für eine gemeinnützige Wohnung. Ein Besuch in Hohenems zeigt: Manche warten schon sehr lange.
Darum geht’s:
- In Hohenems stehen 286 Menschen auf der Warteliste für eine leistbare Wohnung.
- In Vorarlberg haben fast 6000 Menschen einen Antrag gestellt.
- Die Situation wird sich wahrscheinlich nicht schnell bessern, da es weniger Bautätigkeit gibt.
Hohenems Havva Suicmez kommt seit einem Jahr hier her. Sie ist sicher schon zum zehnten Mal da, erzählt sie. Geschieden, drei Kinder, eines davon noch minderjährig. „Ich habe eine schöne Wohnung, ich fühl’ mich wohl“, fährt die 48-Jährige fort. „Ich möchte dort nicht raus. Aber ich kann mir die Wohnung nicht mehr leisten.“ Für ihre Wohnung zahlt sie momentan mehr als 1500 Euro Miete plus Strom. Jetzt wartet sie seit über einem Jahr auf eine gemeinnützige Wohnung in Hohenems. Es ist Mittwoch, 16.45 Uhr. Havva Suicmez ist eine von rund 20 Personen, die bereits auf den Hohenemser Wohnstadtrat Bernhard Amann warten, dessen Sprechstunde offiziell erst um 17 Uhr beginnt. Sie alle suchen dringend eine leistbare Wohnung.

In Hohenems befinden sich momentan 286 Menschen auf der Warteliste. Die Nibelungenstadt ist ein Beispiel von vielen. Fast 6000 Menschen haben in Vorarlberg einen Antrag gestellt. Sie stehen auf der Warteliste für eine gemeinnützige Mietwohnung, Mietkaufwohnung und betreutes Wohnen. Das geht aus einer Anfragebeantwortung des Landes an die SPÖ hervor. Diese Anträge beziehen sich auf 5201 Haushalte. Landesrat Marco Tittler (ÖVP) versucht in seiner Anfragebeantwortung, das Positive zu finden. Denn im Jahr 2019 lagen 6259 Anträge vor, bei gleichzeitig weniger Einwohnern. In den vergangenen Jahr wuchs die Vorarlberger Bevölkerung von 397.500 auf 410.000 Einwohner.
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Frauen wie Havva Suicmez hilft das wenig. „Ich habe 32 Jahre Vollzeit gearbeitet. Jetzt muss ich regelmäßig hier her und um eine Wohnung betteln. Wenn man einmal im Leben etwas von der Gemeinde braucht, dann sollte man es auch bekommen“, ärgert sie sich. Auch ein junges Paar wartet. Es hat einen ihrer beiden Söhne mitgebracht. „Wir wohnen momentan zwar in einer Vier-Zimmer-Gemeindewohnung“, erzählt der Mann. „Aber wir sind zusammen mit meinen Großeltern zu sechst.“ Kein Dauerzustand, schildert das Paar. Vor fast fünf Jahren haben die Beiden den ersten Antrag gestellt. Seither versuchen sie es immer wieder. „Wir bleiben am Ball!“
Die angespannte Lage dürfte sich nicht so schnell bessern: Die Vogewosi hat ihre Bautätigkeit zurückgefahren und der private Markt ist eingebrochen. Die große Warteliste kann aber ein bisschen relativiert werden. Aus verschiedenen Gemeinden hört man, dass sich darunter zahlreiche Verbesserungswünsche finden. Wohnungswerber leben zwar in gemeinnützigen Wohnungen, möchten aber in ein neueres Haus, in eine größere Wohnung oder einen Garten. Sie bewerben sich, lehnen aber auch Wohnungen ab. Es kommt vor, dass eine Wohnung erst an Menschen auf Platz 40 oder 50 der Warteliste vergeben werde, weil die Menschen davor die Wohnung nicht brauchen oder wollen. Der Bedarf an gemeinnützigen Wohnungen ist trotzdem enorm, sagt Stadtrat Bernhard Amann. „Es muss dringend mehr gebaut werden.“

Nicht alle wollen eine Mietwohnung. Ein junges Hohenemser Paar mit einem Kind wartet seit eineinhalb Jahren auf eine Mietkaufwohnung. Er 30 Jahre alt, sie 26 Jahre alt. „Es ist die einzige Chance, in unserem Alter Eigentum aufzubauen. Anders ist es nicht mehr möglich“, sagt er. Sie sind zum ersten Mal hier und guter Dinge – schließlich seien sie angerufen worden, sie sollen vorbei kommen. Jetzt ist die Vorfreude etwas gedämpft. „Wenn ich so sehe, wie oft manche schon hier waren …“
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Die Landespolitik hat sich des Themas angenommen – und zwar durch die Bank. Im Landtags-Ausschuss am Mittwoch standen mehrere Anträge der Opposition auf der Tagesordnung. Drei Stück von den NEOS und je ein Antrag von FPÖ und SPÖ. Die schwarz-grüne Landesregierung ihrerseits hat kürzlich ein weiteres Wohnpaket präsentiert.
Havva Suicmez kann sich davon nichts kaufen. „Ich warte und werde vertröstet“, redet sie sich in Rage. Sie habe nicht einmal eine richtige Auskunft über ihren Wartelistenplatz bekommen.
Also wartet sie. „Aber worauf warten?“, fragt sie. „Dass ich weit in die roten Zahlen rutsche?“