Dieses Nehammer-Video sorgt für Aufregung

Ein Video einer Veranstaltung in Salzburg sorgt für Empörung.
Wien Nachdem am Mittwochabend ein Video auf Twitter aufgetaucht ist, das Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP) in geselliger Runde in einer Vinothek zeigt, erntet der Kanzler dafür am Donnerstag Kritik. In der sechsminütigen Aufnahme empört er sich über Frauen, die in Teilzeit arbeiten, die Diskussion um Kinderarmut und die Sozialpartnerschaft. Empört über das Video hingegen zeigen sich ÖGB, Caritas, die Opposition und der grüne Koalitionspartner.
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“Ich habe mit meinen Sozi-Freunden oder linken Freunden, das ist jetzt ein Euphemismus, könnt’s euch vorstellen, das sind keine Freunde (…)” startet das Video, aufgenommen bei einem Besuch bei der ÖVP Hallein Ende Juli. Was folgt, ist eine Empörungsrede Nehammers vor Parteifreunden. Etwa über Frauen, die in Teilzeit arbeiten, obwohl sie keine Betreuungspflichten haben. Aber auch wenn es heiße, es gebe Kinder, die keine warme Mahlzeit bekämen, regt das den Kanzler auf: “Wisst’s was die billigste warme Mahlzeit in Österreich ist? Ist nicht gesund, aber sie ist billig: ein Hamburger bei McDonald’s”, so Nehammer.
“Dann sind wir in der DDR”
In dieser Diskussion dürfe man sich nicht verlieren. “Dann heißt das: Jeder Elternteil hat sein Kind beim Staat einzumelden, wir machen Kalorientabellen, wir schauen, wie viel Essen kriegt das Kind, wie wird’s ernährt, und dann sind wir in der DDR.”
“Putz di, Sozialpartnerschaft, Sozialpartnerschaft!”
“Ja, ja, ich bin bei Dir, ich komm zu dem”, ruft der Kanzler einem Zuhörer zu, der die Rede unterbricht und meint, er habe kein Problem damit, wenn jemand 30 Stunden arbeite oder 20, aber “ohne Subventionen von uns allen, die fleißig arbeiten”. Nehammers Antwort: “Was ist in Österreich real? Real ist, über all das hab ich mich mit Dir gar nicht unterhalten. Warum? Weil dann kommt nämlich die Gewerkschaft her und die Wirtschaftskammer her und sagt: “He, putz di, Sozialpartnerschaft, Sozialpartnerschaft!” Kurz bevor das Video endet, gibt Nehammer dem Publikum noch eines mit: “Wir sind alle gelernte ÖVPler, wir wissen, was leiden heißt.”
Ärger bei Vorarlbergs SPÖ-Chef
Vorarlbergs SPÖ-Chef Mario Leiter ärgert sich: “Die jüngsten Aussagen von Bundeskanzler Karl Nehammer sind nicht nur ein Ausdruck einer Verrohung in der Politik, sondern auch einer Überheblichkeit und einer Verächtlichmachung von Menschen, die nicht mehr wissen, wie sie ihr Leben finanzieren können. Seine Worte über die “Sozi-Freunde”, die Teilzeit-Quote, die warme Mahlzeit für Kinder und seine Sicht auf die Sozialpartnerschaft sind nicht nur enttäuschend, sondern auch alarmierend. Es ist beunruhigend zu sehen, wie der Bundeskanzler die Realität vieler Menschen in unserem Land ignoriert und verkennt.”
Gewerkschaft empört
Die Gewerkschaft, die Nehammer im Video auch als größten Bremser bei der “Rot-weiß-rot”-Card bezeichnet, zeigt sich über die Rede des Kanzlers schockiert. “Die Sozialpartnerschaft hat einen entscheidenden Beitrag zur Bewältigung von Krisen geleistet, insbesondere durch Maßnahmen wie die Kurzarbeit. Die Behauptung des Kanzlers, dass die Sozialpartnerschaft ein Hindernis sei, ist für uns nicht nachvollziehbar. Sie ist ein Erfolgsmodell für unser Land und hat maßgeblich zu unserem Wohlstand beigetragen. Für uns sind die Aussagen des Kanzlers daher absolut unverständlich”, sagte Vizepräsidentin Korinna Schumann zur APA. Die Wirtschaftskammer wollte die Aussagen gegenüber der APA nicht kommentieren.
Babler-PK
SPÖ-Parteichef Andreas Babler berief wiederum am Donnerstag eigens eine Pressekonferenz ein, um auf das Video zu reagieren. Dabei sparte er nicht mit Kritik: “Wir sehen in dem Video einen Bundeskanzler, der die Leute für etwas verachtet, dass er selbst zu verantworten hat. Nehammer bindet den Leuten die Schuhe zusammen, und wenn sie fallen, ruft er ‘steht auf und rennt weiter’.” Fast jede Frau, die in Teilzeit arbeite, müsse das aufgrund von Betreuungsverantwortung tun. In seiner Ansprache ließ Babler es sich auch nicht nehmen, aus seiner Kindheit zu berichten. Seine Mutter habe ihn in die Arbeit mitnehmen und dort verstecken müssen, damit sie keinen Ärger bekomme. Österreich habe sich einen Bundeskanzler verdient, der die Menschen respektiere, und nicht “23.000 Euro im Monat schwer bei Wein und Käsehappen” über sie urteile.
Mit Blick auf die Nationalratswahl in rund einem Jahr, sagte Babler, sehe man in dem Video zumindest, “was uns unter der nächsten schwarz-blauen Regierung blühen könnte”. Nehammer richte uns heute aus, “dass die Löhne nicht erhöht werden sollen, morgen dass die Pensionen nicht erhöht werden, und übermorgen, dass beim Gesundheitssystem gespart wird.” Auf eine Journalistenfrage nach einer möglichen Koalition mit der ÖVP unter Karl Nehammer antwortete Babler, “es würde jeder ausscheiden als Koalitionspartner, der Menschen nicht mag.”
Kogler zu Video
Bei einer Pressekonferenz am Donnerstag auf das Video angesprochen, sagte Vizekanzler Werner Kogler, er habe einiges von dem Video gehört, dieses aber noch nicht gesehen. “Ich werde mich dann ärgern, wenn ich es mir angeschaut habe, oder auch nicht.” Kogler lobte hingegen die Regierungsarbeit, explizit das Paket gegen Kinderarmut. “Wenn das (Video, Anm.) jetzt Aufmerksamkeit erregt – möglicherweise berechtigt -, dann ist doch ein guter Zeitpunkt für die Regierung und auch für den ÖVP-Teil, das was angekündigt wurde (…) beschleunigt anzugehen.” Klubobfrau Sigrid Maurer präzisierte auf Twitter: “Die Teilzeitquote wird sich erst dann ändern, wenn es tatsächlich Wahlfreiheit gibt – mit einem entsprechenden Ausbau der Kinderbetreuung. Das hat der Kanzler selbst angekündigt – es ist jetzt ein guter Zeitpunkt, diesen Worten Taten folgen zu lassen.”
Rauch: “zynisch”
Als zynisch bezeichnet es der grüne Sozialminister Johannes Rauch, Menschen in Not auszurichten, sie seien selbst Schuld oder sollen ihren Kindern Fast Food servieren. “In der Regierung arbeiten zwei sehr unterschiedliche Parteien mit teils sehr unterschiedlichen Werthaltungen zusammen. Der Bundeskanzler sagt ja selbst am Ende dieses Videos, dass seine Vorstellungen mit den Grünen nicht durchzusetzen sind. Und das ist gut so.” Auch er lobt die von der Regierung aufgrund der Teuerung beschlossenen Entlastungsmaßnahmen. “Wir können und wollen nicht zuschauen, wie Kinderarmut zunimmt: Deshalb gibt es zusätzlich 60 Euro pro Kind und Monat, für jene, die es besonders brauchen – die Auszahlung beginnt heute, rückwirkend ab Juli.”
Auch Neos äußern sich
Mit einem Video reagierte indes der stellvertretende NEOS-Parteichef Christoph Wiederkehr. Es gehe nicht nur um ein warmes, sondern um ein gesundes Mittagessen für Kinder, betont der Wiener Vizebürgermeister auf Instagram: “Der Kanzler will offenbar jedem Kind einen Burger geben, wir NEOS wollen jedem Kind die Flügel heben. Genau deshalb haben wir in allen Wiener Ganztagsschulen mit diesem Schuljahr ein kostenloses, warmes, gesundes Essen eingeführt. Die ÖVP hat nach der Wirtschaftskompetenz nun auch die Familienkompetenz verloren.”
Kritik auch von der FPÖ
Auch FPÖ-Chef Herbert Kickl kritisierte Nehammer scharf: “Immer dann, wenn Nehammer glaubt, unter Seinesgleichen zu sein, bricht bei ihm diese Mentalität durch, die man aus der Führungsmannschaft der ÖVP nur allzu gut kennt – Stichwort Pöbel! Ein Politiker, der derart empathielos, abgehoben, eiskalt und eine derartige Verachtung für die armutsgeplagten Menschen an den Tag legt, ist für den Job als Bundeskanzler ungeeignet.”
Caritas ebenfalls kritisch
Klare Worte kamen am Mittwochabend auch von Caritas-Präsident Michael Landau. “In Österreich muss niemand verhungern oder im Winter erfrieren. Weil wir in der Geburtsortslotterie einen Haupttreffer gezogen haben. Aber wer sagt, dass in Österreich niemand hungert oder friert, hat von der Wirklichkeit der Menschen keine Ahnung”, schrieb er auf dem Kurznachrichtendienst. Auch die Volkshilfe, die in einer Aussendung darauf hinwies, dass Mangelernährung bei Kindern kein Mythos sei, kritisierte Nehammer: “Wenn sich der Bundeskanzler der Republik Österreich hinstellt und den armutsbetroffenen Familien ausrichtet, sie sollen den halbwarmen Burger aus dem Fast-Food-Restaurant als adäquate Ernährung ansehen, dann ist das zynisch”, sagte die Kinderarmutsexpertin Hanna Lichtenberger.