Marsalek in Spionage verwickelt?

Politik / 26.09.2023 • 22:33 Uhr
Der ehemalige Wirecard-Chef Jan Marsalek setzte sich kurz vor dem Insolvenzantrag des Konzerns ab. APA
Der ehemalige Wirecard-Chef Jan Marsalek setzte sich kurz vor dem Insolvenzantrag des Konzerns ab. APA

Nachrichtenmagazin Spiegel berichtet über neue Vorwürfe aus London.

London Es klingt wie ein Spionage-Thriller aus der Zeit des Kalten Kriegs: Der wegen des Wirecard-Skandals gesuchte Ex-Manager Jan Marsalek soll laut britischen Ermittlern Kontaktmann für ein russisches Spionagenetzwerk in Großbritannien gewesen sein. Ziele der Operation waren demnach unter anderem Beschattung und womöglich sogar Entführung von Menschen. Das geht aus einer Mitteilung der britischen Staatsanwaltschaft CPS (Crown Prosecution Service) vom Dienstag hervor.

Vorwürfe werden bestritten

Demnach soll der Österreicher Marsalek ab Sommer 2020 – also kurz nach seiner Flucht aus Deutschland – eine zentrale Rolle als Vermittler zwischen Moskau und einer Gruppe von Bulgaren gespielt haben, die sich als mutmaßliche russische Spione in London vor Gericht verantworten müssen. Eine erste Anhörung fand am Dienstag in London statt. Die zwei Frauen und drei Männer, die im Februar festgenommen worden waren, streiten die Vorwürfe allesamt ab. Zu der Verschwörung zur Spionage, die ihnen angelastet wird, gehört laut Staatsanwaltschaft aber auch Marsalek.

Marsalek war früher Vertriebsvorstand des Finanzdienstleisters Wirecard, ist seit Sommer 2020 abgetaucht und wird in Russland vermutet. Er gilt als Hauptverdächtiger im Wirecard-Skandal – dem größten Betrugsfall in der Geschichte der deutschen Bundesrepublik.

Wie aus der CPS-Mitteilung hervorgeht, soll Marsalek dem Anführer der mutmaßlichen Spionagezelle in Großbritannien, Orlin R., Aufträge erteilt haben. Der soll die Aufgaben an die anderen mutmaßlichen Mitglieder der Spionagezelle weiterdelegiert haben. Alle fünf Beschuldigten seien für ihre Tätigkeiten bezahlt worden. Die Ermittler werteten Chats aus dem Kurznachrichtendienst Telegram zwischen Marsalek und R. aus. Dabei soll es unter anderem um die Beschaffung von militärischer Ausrüstung für Russland, die Ausstattung mit Spionagewerkzeugen wie digitalen Geräten, Software und Hacker-Handbüchern, das Abhören von Kommunikation und die Beschattung von Moskau unliebsamen Personen gegangen sein.

Großteil in Großbritannien

Ein großer Teil der Spionageaktivitäten soll sich außerhalb Großbritanniens abgespielt haben. Neben der Beschattung von Personen soll Marsalek auch den Auftrag erteilt haben, für Russland relevante Orte wie einen NATO-Stützpunkt in Deutschland auszukundschaften. Auch die kasachische Botschaft in London soll Ziel gewesen sein.

Marsalek verantwortete bei Wirecard das Geschäft mit sogenannten Drittpartnerfirmen. Im Sommer 2020 war der Konzern zusammengebrochen, weil 1,9 Mrd. Euro aus diesem Geschäft nicht auffindbar waren. Marsalek setzte sich kurz vor dem Insolvenzantrag ab.

Marsalek wird noch gesucht. Foto stammt von 2019.
              AFP/PP München