Flucht aus Berg-Karabach

Politik / 25.09.2023 • 22:47 Uhr
Flüchtlinge kommen in einem provisorischen Unterbringungszentrum in der armenischen Stadt Goris an. reuters
Flüchtlinge kommen in einem provisorischen Unterbringungszentrum in der armenischen Stadt Goris an. reuters

Eroberung durch Aserbaidschan: Immer mehr Menschen suchen Schutz in Armenien.

eriwan, baku Nach der Eroberung des Gebietes Berg-Karabach durch Aserbaidschan wächst die Zahl der nach Armenien flüchtenden Menschen schnell. Bis Montagmittag seien bereits 6650 Flüchtlinge registriert worden, teilte die armenische Regierung in sozialen Medien mit. Am Abend zuvor waren es noch etwa 1000 Menschen. Die Regierung versprach allen Bedürftigen, sie mit entsprechendem Wohnraum zu versorgen. Der Bedarf von knapp 4000 Flüchtlingen sei bereits festgestellt worden, die Daten der übrigen würden noch geprüft, hieß es. Regierungschef Nikol Paschinjan hatte schon zuvor einen wachsenden Strom an Flüchtlingen vorausgesagt. Dieser wird seinen Angaben zufolge durch ethnische Säuberungen Aserbaidschans in Berg-Karabach provoziert.

Baku will Macht übernehmen

Nach kurzen heftigen Angriffen des aserbaidschanischen Militärs hatten die Verteidiger der international nicht anerkannten Republik Berg-Karabach im Südkaukasus vergangene Woche die Waffen strecken müssen. Aserbaidschan will nun die Macht übernehmen in der Region, die zwar auf seinem Staatsgebiet liegt, aber mehrheitlich von Armeniern bewohnt wird. Die Karabach-Armenier befürchten eine Vertreibung oder nach Jahrzehnten des Konflikts die Rache des autoritär geführten Aserbaidschan.

In Berg-Karabachs Hauptstadt Stepanakert drängen sich nach den Angriffen Flüchtlinge auch aus anderen Teilen des Gebiets. Damit wurden dort Lebensmittel und Medikamente noch knapper, als sie es nach Monaten der Blockade ohnehin sind. „Familien, die nach der jüngsten Militäroperation obdachlos sind und die aus der Republik ausreisen wollen, werden nach Armenien gebracht“, versprach die Führung in Stepanakert am Sonntag. Dies werde in Begleitung russischer Truppen in der Region geschehen.

Vertreter Berg-Karabachs und Aserbaidschans trafen sich am Montag in Xocali unter Vermittlung der Russen ein zweites Mal. Das erste Treffen endete vor wenigen Tagen in der aserbaidschanischen Stadt Yevlax ohne greifbares Ergebnis. Aserbaidschans Präsident Ilham Aliyev versicherte, dass es keine ethnischen Verfolgungen der Armenier geben werde. Bei einem Treffen mit seinem türkischen Amtskollegen Tayyip Recep Erdogan erklärte er, dass alle Bewohner Karabachs ungeachtet ihrer Nationalität als Aserbaidschaner gelten würden. Aliyev und Paschinjan sollen am 5. Oktober im Rahmen des Treffens der Europäischen Politischen Gemeinschaft (EPG) in Granada für Gespräche zusammenkommen.

Explosion und viele Tote

Zu allem Unglück kam es am Montagabend im Südkaukasus zur Explosion eines Treibstoffedepots. Dieses soll laut aktuellen Meldungen hunderte Opfer gefordert haben. Die Rede war von mindestens 200 Verletzten und einer unbekannten Zahl von Toten unweit der Gebietshauptstadt Stepanakert. Zum Zeitpunkt des Unglücks seien viele Menschen für Benzin angestanden, weil sie mit Autos vor den Aserbaidschanern nach Armenien fliehen wollten.

Das Menschenrechtsbüro der Region appellierte an die internationale Gemeinschaft, schwer verletzte Menschen zur Behandlung auszufliegen. Die medizinische Versorgung sei völlig unzureichend.