Pensionen: Wertverlust trotz hohem Plus?

Politik / 21.08.2023 • 15:58 Uhr
Ausgleich der Teuerung: Die Pensionen sollen kommendes Jahr um rund 9,7 Prozent steigen. <span class="copyright">APA/Schneider</span>
Ausgleich der Teuerung: Die Pensionen sollen kommendes Jahr um rund 9,7 Prozent steigen. APA/Schneider

Momentum-Analyse sieht keinen Ausgleich, Agenda Austria warnt indes vor außertourlichen Erhöhungen.

schwarzach, Wien Um fast zehn Prozent sollen die Pensionen kommendes Jahr erhöht werden. Doch den Wertverlust durch die Teuerung kann das nicht ausgleichen. Das legt zumindest eine Analyse des gewerkschaftsnahen Momentum-Instituts nahe. Die Pensionen hätten allein in den vergangenen zwei Jahren dramatisch an Wert verloren, teilte Momentum am Montag mit. Die liberale Agenda Austria sähe es indes als problematisch an, käme es zu einer Erhöhung über dem Inflationswert.

Regierung plant Gespräche

Die Pensionen werden jährlich angepasst, um die Teuerung auszugleichen. Nächstes Jahr dürften sie wohl um rund 9,7 Prozent steigen. Das ergibt sich aus der Durchschnittsinflation der letzten zwölf Monate. Für Juli 2023 ist der Wert vorläufig, die endgültige Anpassung könnte sich also noch ändern. Das Sozialministerium berechnet den Richtwert auf Basis der von der Statistik Austria vorgelegten Inflationsraten. Die Kosten für eine Erhöhung um den gesetzlichen Anpassungsfaktor von 9,7 Prozent werden laut Berechnungen des Ressorts von Johannes Rauch (Grüne) ohne Beamtenpensionen rund 5,3 Milliarden Euro betragen. Die Bundesregierung plant den Angaben Rauchs zufolge in den nächsten Wochen Gespräche über die bevorstehende Erhöhung.

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Momentum zufolge beträgt der Werteverlust der durchschnittlichen Bezüge zwischen Jänner 2020 und Juni 2023 7,9 Prozent. Wer Anfang 2020 eine durchschnittliche Pension von monatlich 1631 Euro bezog, konnte sich im Juni 2023 nur noch Waren im Wert von 1502 Euro davon kaufen, rechnet Momentum vor. Trotz jährlicher Erhöhungen hätten die Durchschnittspensionen 130 Euro an Wert verloren. Die Teuerung fresse auch Pensionistinnen und Pensionisten das Geld weg, hielt Momentum-Ökonom Alexander Huber fest. „Einmalzahlungen wie im vergangenen Jahr helfen zwar kurzfristig, sind aber schnell wieder verpufft.“ Selbst nach der Erhöhung von 9,7 Prozent liegen die durchschnittlichen Pensionen laut Momentum-Prognose weiterhin 24 Euro pro Monat unter dem Kaufkraftniveau von 2020. Um Pensionistinnen und Pensionisten gegen Altersarmut abzusichern, empfiehlt das Institut, die Ausgleichszulage über die Armutsgefährdungsschwelle anzuheben. Außerdem müssten die Anrechnung von Kinderbetreuungszeiten und der Pflege von Angehörigen verbessert werden, um besonders Frauen im Alter besser abzusichern.

Der Seniorenrat forderte am Montag zudem Einmalzahlungen für bestimmte Gruppen. Bereits seit dem letzten Jahr müssten die Pensionistinnen und Pensionisten die hohe Teuerung schultern, sagte der Vorsitzende Peter Kostelka vom SPÖ-Pensionistenverband zu Ö1. Die entstandenen Zusatzkosten müssten abgegolten werden. „Um die Differenz zwischen dem, was sie bekommen haben, und der tatsächlichen Teuerung ausgleichen zu können.“

Dénes Kucsera, Experte vom Institut Agenda Austria, verweist im VN-Gespräch darauf, dass es bereits in den vergangenen Jahren neben der gesetzlichen Anpassung immer wieder außertourliche Pensionserhöhungen gegeben hat, insbesondere für die Bezieherinnen und Bezieher niedriger Bezüge. Davon solle die Politik heuer absehen. „Das höhlt das Versicherungsprinzip aus. Jene, die mehr einbezahlt haben, steigen schlechter aus.“ Kucsera thematisiert in diesem Zusammenhang auch die jüngsten Antiteuerungspakete der Bundesregierung.

Agenda-Austria-Experte Kucsera verweist auf die vergangenen außertourlichen Pensionserhöhungen. <span class="copyright">Elke Mayr</span>
Agenda-Austria-Experte Kucsera verweist auf die vergangenen außertourlichen Pensionserhöhungen. Elke Mayr

Auf die Frage, wo die größten Baustellen im Pensionsbereich liegen, sagt der Ökonom: „Das Problem ist, dass das ganze System in Schieflage geraten ist.“ Die Menschen lebten länger, das Verhältnis zwischen arbeitender Bevölkerung und Pensionistinnen und Pensionisten stimme nicht mehr. „Man muss kein großer Mathematiker sein, um festzustellen, dass dadurch der finanzielle Druck steigt.“ So seien in den 1970er-Jahren etwa Männer durchschnittlich 13,6 Jahre in Pension gewesen, 2023 sind es schon 20,5. 2060 dürften es 25,3 Jahre sein.

Vier Möglichkeiten

Als möglichen Ausweg nennt Kucsera vier Möglichkeiten: höhere Einzahlungen, niedrige Auszahlungen, also de facto eine Pensionskürzung, eine Änderung im Verhältnis von Einzahlenden und Pensionisten sowie die externe Finanzierung. „Der Beitragssatz gehört schon jetzt zu den höchsten in Europa. Eine Pensionskürzung wäre zudem politischer Selbstmord, lässt sich also ausschließen“, schildert der Experte. Die jährlichen Zuschüsse zum System machten aktuell auch schon rund 26 Milliarden Euro aus, eine enorme Zahl, die das Budget belaste. An einer Erhöhung des gesetzlichen Antrittsalters führe also kaum ein Weg vorbei. „Es sollte an die Lebenserwartung gekoppelt werden, so wie das zum Beispiel die skandinavischen Länder und andere Staaten in Europa schon jetzt machen. Das würde die Pensionen sichern.“

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