Ohne Anerkennung keine Gemeinschaft

„Ihr seid’s lauter Juden, Oida! Gfraster seid’s ihr. Scheiß ORF!“ So eine Attacke hat Dietmar Petschl, ORF-Redakteur und Musikexperte, noch nicht erlebt. Petschl hat vergangenen Mittwoch vom Rammstein-Konzert in Wien berichtet und wurde dabei nach dem Auftritt der Band vor laufender Kamera von einem Konzertbesucher beschimpft und angerempelt. Auch Petschls Kamerafrau wurde Ziel einer Attacke.
Vor dem Konzert der deutschen Band fand eine Demonstration statt, bei der Hunderte gegen den Auftritt und Sänger Till Lindemann protestierten, dem zahlreiche Frauen Missbrauch vorwerfen. Vorwürfe, die Lindemann dementiert, die Stimmung bei manchen Fans dürfte dennoch gereizt gewesen sein – und sich am Berichterstatter entladen haben. Für den Live-Einstieg in der ZIB3 musste das ORF-Team von Polizisten geschützt werden.
„Wir befinden uns alle in dem Kampf um Anerkennung.“
Polizei, die Journalistinnen und Journalisten schützt, während sie ihre Arbeit machen: Ein erschreckendes Phänomen, das nicht nur den ORF, sondern alle betrifft, die medial berichten. Gerade seit den Verwerfungen der Pandemie ist es leider auch in Österreich teilweise notwendig geworden, dass Medienleute bei Demonstrationen von Security begleitet werden. In der aggressiven Haltung mancher gegenüber Medienmenschen zeigt sich ein erschreckender Mangel an Grundrespekt und ein großer Vertrauensverlust in die Institutionen. Nach dem Branchen-Vertrauensindex, den die APA und das Meinungsforschungsinstitut OGM erheben, liegen Medien an viertletzter Stelle vor der Energie-, Immobilien- und Wettanbieter-Branche.
Auf Augenhöhe begegnen
Wie könnte man diese negative Entwicklung aufhalten? Ein Schlüssel dafür wäre die Anerkennung der anderen. Wir befinden uns laut dem deutschen Sozialphilosophen Axel Honneth alle in dem Kampf um Anerkennung. Und weil der Mensch als Individuum mit Würde nur dank der Wertschätzung seiner Mitmenschen existiert, sind zerstörte Anerkennungsverhältnisse für Honneth ein Indiz, um systematische Fehlentwicklungen der Gesellschaft festzustellen. Gegenseitige Anerkennung könnte also ein erster Schritt sein – etwa, indem Medien sich verstärkt mit ihren Leser(inne)n, Usern, Seher(inne)n austauschen und ihnen auf Augenhöhe begegnen. Wenn man mehr offenlegt und erklärt, wie man als Medium arbeitet, kann man Vertrauen gewinnen. Zumindest bei jenem Teil des Publikums, der sich nicht allem verweigert.
Im Gegenzug wäre es wichtig, anderen Menschen, die wie Journalistinnen und Journalisten einfach nur ihre Arbeit machen, mit jener Anerkennung zu begegnen, die man sich auch für die eigene Person erwartet. Beschimpfungen haben nichts mit freier Meinungsäußerung zu tun, Gewalt führt nicht zu Dialog – und sicher nicht zu einer stärkeren Gemeinschaft.
Julia Ortner ist Journalistin mit Vorarlberger Wurzeln, lebt in Wien und arbeitet für den ORF-Report.