Grüne im VN-Sommergespräch: „Windräder sind wie Freiheitsstatuen“

Doppelspitze hebt Potenzial in Vorarlberg hervor.
Magdalena Raos, Gerold Riedmann
Schwarzach Für Eva Hammerer und Daniel Zadra ist klar: Der Wind hat sich gedreht. Auch in Vorarlberg werde sich in Sachen Windkraft noch einiges tun. In der Koalition mit der ÖVP sehen die Grünen nach wie vor ein Zukunftsmodell.
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Welche Schulnote hätte sich denn Landeshauptmann Markus Wallner verdient?
Zadra Meine Tochter hat gerade das erste Zeugnis bekommen. Glücklicherweise keine Ziffernnote, sondern eine verbale Beurteilung. Der Landeshauptmann ist zurück, er hat sich wieder gut eingefunden. Ich habe eine sehr gute Arbeitsbeziehung mit Markus Wallner. Wir haben Lust, noch ein Jahr gemeinsam zu gestalten, Dinge auf den Weg zu bringen. Wir sind voller Tatendrang.
Voller Tatendrang waren auch die Klima-Aktivistinnen und -Aktivisten der Extinction Rebellion vergangene Woche vor dem Landtag. Sympathisieren Sie mit ihnen?
Hammerer Wenn junge Menschen sich irgendwo ankleben, und es kommt zu Stau, oder sie blockieren, wie hier, eine Tiefgarageneinfahrt, dann verstehe ich, dass sich bei vielen Menschen als Erstes Widerstand regt. Wenn man sich dann näher mit der ganzen Sache beschäftigt: Führende Klimawissenschaftlerinnen und Klimawissenschaftler Österreichs haben sich hinter diese Menschen gestellt, welche Angst um ihre Zukunft haben und mit friedlichen Protesten auf dieses eigentlich dringendste Thema aufmerksam machen wollen.
In Deutschland hat der grüne Minister Robert Habeck Aktivistinnen und Aktivisten der Letzten Generation kritisiert. Klebeaktionen würden dem Klimaschutz nicht nutzen, sondern eher schaden. Dafür werde es keine Mehrheit geben.
Zadra Ich stehe zu 100 Prozent hinter den Forderungen. Aber über die Aktionsformen, die Formate muss man sprechen.

Der Protest der Aktivistinnen und Aktivisten richtet sich ja auch gegen die Klimapolitik im Land. Diesbezüglich wären Infrastrukturprojekte, etwa die Tunnelspinne in Feldkirch, aber auch die S 18, zu erwähnen. Wäre es nicht ehrlicher gewesen zu sagen: Wir sind als Grüne gegen diese Projekte?
Zadra Unsere Haltung ist klar. Wir sind gegen die fossilen Monsterprojekte, wissen aber, dass wir einen Koalitionspartner haben, der da noch nicht so weit ist. Wir versuchen auf ihn auch dahingehend einzuwirken, dass wir bei Zukunftsprojekten im Fahrradbereich, im Bereich des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) weiterkommen. Aber wir müssen anerkennen, dass wir in gewissen Projekten unterschiedlicher Meinung sind. Das ist in der Demokratie ein ganz normaler Prozess.
Österreichs Klimaziel bis 2030 bleibt weiterhin unerreichbar. Wo sehen Sie denn die größten Baustellen im Land in Sachen Klimaschutz?
Hammerer Eine Baustelle ist grundsätzlich etwas sehr Positives, wo modernisiert, Altes in Neues umgebaut oder überhaupt neu gebaut wird. Ein riesengroßer Beitrag zum Klimaschutz ist ein geändertes Mobilitätsverhalten. Gott sei Dank haben wir die Baustelle S 18 noch nicht. Ich möchte das einmal ausdrücklich sagen: Das ist nicht eine Straße, von der wir reden, sondern eine Brennerautobahn mitten durch das Ried. Diese CP-Variante hätte einen höheren Tagesverkehrswert an Autos an Spitzentagen als die Brennerautobahn. Sie würde eine neue Nord-Süd-Transitroute aufmachen. Das wäre ein Monstrum.
Bleiben wir kurz bei der S 18. Haben Sie den Eindruck, dass die neue Variante von Umweltministerin Leonore Gewessler beim Koalitionspartner ein Thema ist?
Hammerer Wir nehmen diese Variante sehr ernst. Wenn man sich auf der Karte anschaut, wie die CP-Variante verlaufen würde, dann scheint es so, als wäre die Fragestellung gewesen: Welches ist der längst mögliche Straßenverlauf durch das Ried? Die neue vorgeschlagene Variante ist eben die kürzeste mögliche, logischerweise die gescheiteste Variante.

Braucht es Tempo 100 auf der A 14?
Zadra Natürlich ist das Temporegime eine Maßnahme, die nichts kostet und sehr viel CO2 einspart. Es gibt aber leider keine zweite Partei, die das unterstützt. Das ist demokratisch zu akzeptieren. Aber es gibt andere Maßnahmen. Ich möchte den Menschen reinen Wein einschenken, man muss ihnen die Wahrheit auch zumuten. Das heißt: Wenn wir jetzt nicht Maßnahmen setzen, die wirksam sind, dann wird die Zeche jemand anderes bezahlen. Das sind unsere Kinder und Enkelkinder. Ich glaube, es ist eine Riesenchance, wenn wir uns ansehen, welche Möglichkeiten da aufgehen, die Mobilität der Zukunft zu gestalten, die Häuser der Zukunft zu bauen, Sanierungen anzugehen. Das kann auch ein grünes Wirtschaftswunder in Vorarlberg auslösen. Wenn wir den Kopf in den Sand stecken und Projekte aus der Mottenkiste holen, dann werden wir Schiffbruch erleiden.
Fühlen Sie sich, was die Windkraft in Vorarlberg angeht, mittlerweile ernst genommen von der ÖVP und der Illwerke VKW als dominierendem Energiekonzern?
Hammerer Man kann mit Recht sagen: Der Wind hat sich tatsächlich gedreht. Früher war es verpönt oder man hat gleich abgewunken. Aber die Technologie hat sich sehr stark verändert. Es gibt jetzt viel effizientere Windräder und somit auch Potenzial in Vorarlberg. Zudem hat sich seit diesem fürchterlichen Angriffskrieg Putins und der dadurch ausgelösten Energiekrise auch die Sichtweise auf Windräder in der breiten Bevölkerung geändert. Symbolisch gesehen sind diese Windräder fast wie Freiheitsstatuen, die uns aus den Fesseln Putins befreien. Sie sind auch ein Symbol für saubere Energie und diese werden wir in Zeiten wie diesen dringend brauchen. Der Weg in die Unabhängigkeit geht nur über saubere Energie.
Zadra Es melden sich aktiv die großen Energiekonzerne Österreichs und Deutschlands. Auch die Illwerke VKW haben mittlerweile gesagt, dass sie in Windmessungen gehen möchten.
Könnten etwa auch der Verbund oder die deutsche EnBW in Vorarlberg Windkraftanlagen und -parks errichten?
Zadra Ich habe vor einigen Wochen Winfried Kretschmann, Ministerpräsident von Baden-Württemberg, zu Besuch gehabt und war auch beim Gespräch mit Landeshauptmann Markus Wallner mit dabei. Die EnBW ist erfahren in der Windkraft, sie hat schon viele Projekte umgesetzt und wäre durchaus bereit, auch einmal in Vorarlberg die Fühler auszustrecken und uns unterstützend unter die Arme zu greifen. Die EnBW ist interessiert, das sind aber auch andere, vor allem österreichische Betreiber.

Die U-Ausschuss-Reform in Vorarlberg ist gescheitert. Wieso ist es da nicht zu einer Einigung gekommen?
Hammerer Wir haben ein Paket ausverhandelt. Es wäre ein Meilenstein der sauberen Politik in Vorarlberg geworden. Nur bei einer Frage haben sich die Geister geschieden. Da hätte es am Schluss sogar drei verschiedene Lösungen gegeben, alle mit Vor- und Nachteilen. Expertinnen und Experten haben alle als brauchbar attestiert. Schlussendlich hat die Opposition sich dagegen ausgesprochen, beziehungsweise sich stur auf eine Variante versteift, die wiederum die ÖVP nicht wollte. Daran ist das Ganze gescheitert. Den allergrößten Schmerz habe sicher ich, weil es mir furchtbar Leid tut für die Demokratie in Vorarlberg und vor allem für saubere Politik.
Herr Zadra, ist die gute Beziehung zum Landeshauptmann eine Grundlage dafür, dass auch nach der Wahl eine künftige Regierungskoalition gebaut werden kann?
Zadra Als allererstes hat die Wählerin, der Wähler das Wort. Aber ja, ich gehe davon aus, dass Schwarz-Grün nach wie vor ein Zukunftsmodell ist. Die Menschen in Vorarlberg, das spüre ich ganz stark, wollen eines: eine gute Wirtschaft in einer intakten Natur. Das beides kombiniert, ist auch unser Angebot. Wir wollen eine Balance, Stabilität halten. Wir haben es geschafft, dass in schwierigen, herausfordernden Zeiten Kurs gehalten wurde. Wir gehen Zukunftsprojekte an.
Eva Hammerer
Chefin der Grünen, Klubobfrau
Geboren 25. Oktober 1975
Laufbahn Studium der Rechtswissenschaften, 2015 bis 2022 Gemeinderätin in Hard, seit 2019 Landtagsabgeordnete, seit 2022 Klubobfrau
Daniel Zadra
Chef der Grünen, Landesrat
Geboren 24. Dezember 1984
Laufbahn Studium der Rechtswissenschaften und Politikwissenschaft, 2015 bis 2019 in der Gemeindevertretung von Lustenau, seit 2014 im Landtag, 2019 bis 2022 Klubobmann, seit 2022 Landesrat
Mit der Familie unterwegs
Eva Hammerer reist diesen Sommer ans Meer. Gemeinsam mit der Familie ist die Chefin der Grünen und Klubobfrau im Landtag mit dem Campingbus unterwegs, „wie fast jedes Jahr“, verrät die 47-Jährige. Auch bei Parteichef und Mobilitätslandesrat Daniel Zadra (38) steht Urlaub mit der Familie auf dem Programm, allerdings nicht am Meer. Es geht in Richtung Südosten. „Ich freue mich schon auf ein kühles Glas Weißwein in der Steiermark und die eine oder andere Buschenschank“, sagt der Grüne. Das Bild stammt aus einem Familienurlaub letztes Jahr in Italien.

