Ohnmächtig im Internet

Politik / 04.07.2023 • 08:00 Uhr
Ohnmächtig im Internet

Der Albtraum jedes Social-Media-abhängigen Menschen wurde vergangenen Samstag auf der Kurznachrichtenplattform Twitter wahr: Der Stoff wurde plötzlich rationiert, sprich: eine Beschränkung beim Lesen von Beiträgen eingeführt. Nutzerinnen und Nutzer mit verifizierten Accounts sollen nur noch maximal 6000 Beiträge pro Tag lesen, für jene mit nicht verifizierten Accounts sind es bis zu 600 Beiträge. Güter-Verknappung wie einst in der DDR – und das Twitter-Volk ist dem ohnmächtig ausgeliefert.

Die Maßnahme sei vorübergehend notwendig, um dem extremen Ausmaß an Datenabschöpfung und Systemmanipulation entgegenzuwirken, teilte Eigentümer Elon Musk seinem Twitter-Volk mit. Das vertraut ihm ja nur bedingt, seitdem der verhaltensoriginelle Milliardär den Kurznachrichtendienst 2022 um 44 Milliarden Dollar gekauft und umgekrempelt hat: inklusive Massenentlassungen, nachlässiger Inhaltsmoderation, dem Zulassen fragwürdiger Inhalte von fragwürdigen Personen oder dem damit verbundenen signifikanten Rückgang an Werbekunden. Seit der Twitter-Übernahme von Musk nehmen Hassbeiträge messbar zu.

Der Kulturbruch

Hinter der neuen Beschränkungs-Aktion könnte also auch der unelegante Versuch stehen, mehr Menschen in ein Abo zu drängen. Musk ist derjenige, der einen Paradigmen-Wechsel in der Social-Media-Welt vollzogen hat: Verifizierte Twitter-Accounts, die früher Leuten in der Öffentlichkeit vorbehalten waren, kosten nun zwischen acht und elf Dollar pro Monat. Ein Kulturbruch, davor konnte man auf Facebook, Instagram und Co. immer alles gratis nutzen. Finanziert durch Werbung, die Plattform-Nutzenden sind das Produkt: Sie liefern Daten, die für die Unternehmen wertvoll sind. Die Kanäle bekommen zudem Inhalte, die Nutzenden dafür Aufmerksamkeit und Anerkennung. Ob sie das alles beruflich, für ihr gesellschaftliches Engagement oder für das Ego brauchen.

Elon Musk hat mit seinen Abos eine Tür aufgestoßen, durch die andere Plattformbetreibenden gehen werden, die künftig auch nicht mehr nur auf Werbung als Einnahmequelle setzen. Meta-Chef Mark Zuckerberg hat kürzlich ein Bezahlmodell für Facebook und Instagram eingeführt, das den Zahlenden mehr Sicherheit für ihren Account garantiert. Mr. Musks forsche Methoden offenbaren uns nun die eigene Machtlosigkeit und Abhängigkeit. Die Plattform-Ökonomie der Digitalkonzerne spielt immer ihr Spiel – ihre Algorithmen bestimmen unser Leben mit.

Diese einseitige Beziehung führt zu einem extremen Machtgefälle zwischen den Konzernen und jenen, die ihre Dienste nutzen. Denn die Nutzungsbedingungen können jederzeit einseitig geändert werden. Und man findet sich auf einmal in der Twitter-DDR wieder.

Julia Ortner ist Journalistin mit Vorarlberger Wurzeln, lebt in Wien und arbeitet für den ORF-Report.