Gegen die Gewalt im Wohnzimmer

Politik / 26.06.2023 • 13:29 Uhr
Jede dritte Frau zwischen 18 und 74 Jahren hat bereits körperliche und/oder sexuelle Gewalt erlebt. <span class="copyright">DPA/Symbolbild</span>
Jede dritte Frau zwischen 18 und 74 Jahren hat bereits körperliche und/oder sexuelle Gewalt erlebt. DPA/Symbolbild

Präventionsprojekt wird ausgeweitet. In Vorarlberg sind nun vier Gemeinden dabei.

Bregenz Obst in einer Schale, Bücher im Regal, ein Teppich, ein Bild: Die Szenerie bei der Pressekonferenz am Montag am Kornmarktplatz in Bregenz mit Sozialminister Johannes Rauch (Grüne) soll ein Wohnzimmer darstellen. Das hat einen traurigen Grund: „Es ist der Ort, der für Frauen am gefährlichsten sein kann“, verdeutlicht Nikola Furtenbach vom Institut für Sozialdienste ifs. Um Gewalt an Frauen möglichst früh Einhalt zu gebieten, gibt es das Präventionsprojekt „StoP – Stadtteile ohne Partnergewalt.“ Es soll Betroffene stärken und Sensibilisierung schaffen, und wird nun ausgeweitet, wie Sozialminister Rauch in der Landeshauptstadt bekannt gab. Neben Bregenz und Hohenems machen in Vorarlberg auch Feldkirch und Lustenau mit.

Viele Facetten

„Wir wollen das Thema in den öffentlichen Raum holen“, erklärte Rauch das Setting des Freiluft-Wohnzimmers. Gewalt an Frauen habe viele Facetten. Der Großteil der Gewalterfahrungen geschehe zu Hause, oft ginge sie vom Partner oder dem ehemaligen Partner aus. Meistens würde es aber nicht völlig unbemerkt geschehen. „Da gibt es eine Haltung und die ist grundfalsch: Man hört weg und mischt sich nicht ein.“ Doch: „Gewalt ist niemals privat.“ In diesem Zusammenhang verwies er auch auf aktuelle Zahlen: Jede dritte Frau zwischen 18 und 74 Jahren hat in Österreich bereits körperliche und/oder sexuelle Gewalt erlebt.

Projektleiterin Furtenbach, Stadträtin Berchtold, Minister Rauch und Vizebürgermeisterin Schoch im Freiluftwohnzimmer in Bregenz. <span class="copyright">VN/RAM</span>
Projektleiterin Furtenbach, Stadträtin Berchtold, Minister Rauch und Vizebürgermeisterin Schoch im Freiluftwohnzimmer in Bregenz. VN/RAM

Das Sozialministerium verlängerte die Förderung des Projekts „StoP – Stadtteile ohne Partnergewalt“ nun um ein Jahr. Für die beiden Trägerorganisationen sind bis Mitte 2024 insgesamt 1,2 Millionen Euro vorgesehen. In Vorarlberg handelt es sich um das ifs. Es erhält 225.000 Euro. Österreichweit sind 28 Standorte beteiligt. Zudem ist dem Sozialressort zufolge das Budget für Maßnahmen gegen Männergewalt heuer von vier auf sieben Millionen Euro erhöht worden.

Im Land hat „StoP“ vor zwei Jahren in Bregenz seinen Anfang gemacht, 2022 folgte Hohenems. Nun kommen Feldkirch und Lustenau hinzu. Das Projekt will mit Aktionen, Türgesprächen und Veranstaltungen Sensibilisierung erreichen, etwa in der Nachbarschaft, der Verwaltung, den Kindergärten oder Vereinen. Ifs-Projektleiterin Furtenbach hob hervor, dass nach wie vor zwei Drittel der Frauen versuchten, mit dem Problem selbst zurechtzukommen. Sensibilisierung sei daher sehr wichtig.

Kommunale Ebene als Schlüsselbereich

Das Projekt verfolge eine klare Botschaft, betonte die Bregenzer Vizebürgermeisterin Sandra Schoch. „Wir tolerieren Gewalt unter uns nicht.“ An die Männer gerichtet forderte sie: „Distanziert euch.“ Das Problem beginne beim sogenannten Catcalling im öffentlichen Raum und ende bei psychischer und physischer Gewalt. Die Grünen-Politikerin hob als großen Vorteil den niederschwelligen Zugang von „StoP“ hervor: Die kommunale Ebene sei ein Schlüsselbereich, um die Gewaltspirale zu durchbrechen. Sie hofft, dass sich nach Bregenz, Hohenems, Feldkirch und Lustenau nun noch weitere Vorarlberger Gemeinden, vor allem im ländlichen Bereich, anschließen.

Die Feldkircher Stadträtin Julia Berchtold (ÖVP) schilderte bei dem Pressetermin in Bregenz, dass fraktionsübergreifend beschlossen wurde, bei “StoP” mitumachen. Es bestehe nun der Aufruf an die Bürgerinnen und Bürger, sich aktiv zu beteiligen. Berchtold unterstrich: „Gewalt an Frauen zieht sich durch alle gesellschaftlichen Schichten.”