Der Krieg im Hintergrund
Hinter der Glitzerkulisse des großen europäischen Musikfests in Liverpool hat man diesen anderen Ton den ganzen Showabend über nur leise gespürt: Es ist nach wie vor Krieg in der Ukraine. Die Tatsache war auch bei „Heart of Steel“, dem Beitrag des ukrainischen Duos Tvorchi spürbar, allerdings nur textlich dezent und vor allem dadurch, dass Sänger Jeffery Augustus Kenny zu Beginn seines Song-Contest-Auftritts etwas aufgelöst wirkte – Russland hatte seine Heimatstadt in der Westukraine kurz vor dem Auftritt bombardiert.
Vergangenes Jahr war Oleh Psjuk, der Sänger der 2022 siegreichen ukrainischen Teilnehmer Kalush Orchestra, noch mit klaren Worten auf der Bühne gestanden, es war die Zeit der erbitterten Kämpfe um Mariupol: „Ich bitte euch alle: Helft der Ukraine, Mariupol und den Menschen im Asow-Stahlwerk – jetzt.“ Dieses Jahr: Verbale Zurückhaltung, farblich gab es dafür zahlreiche Blau-Gelb-Bekenntnisse und ein anrührendes gemeinsames Absingen von „You never walk alone“. Lebensfreude und Glitzerwelt auf der einen, der Kampf ums Überleben auf der anderen Seite – der Eurovision Song Contest führt uns jene Widersprüchlichkeiten deutlich vor Augen, mit denen man täglich lebt: Menschen brauchen Normalität oder zumindest das Gefühl davon; und man ist es leider schon gewohnt, bedrückende Nachrichten aus dem Erschöpfungskrieg zu vernehmen. Die Aufmerksamkeit für den Krieg in der Nachbarschaft ist müde geworden.
Die Ambivalenz der Situation drückt sich an der Inszenierung der diesjährigen Veranstaltung aus: Diese fand kriegsbedingt nicht im Siegerland Ukraine statt, sondern im Liverpooler Exil. „United by Music“, vereint durch Musik, war das Motto des Fests und man wollte damit offiziell unpolitisch sein, aber doch auch Solidarität mit der Ukraine zeigen. Deshalb ließen die Verantwortlichen des kontinentalen Schlagerpop-Wettbewerbs auch den ukrainischen Präsidenten nicht bei sich auftreten – bitte keine offensichtliche Politik und keine Reden über den Krieg!
Wolodymyr Selenskijs aktuelle Reise auf der Suche nach weiterer Unterstützung führte ihn also nicht in die Unterhaltungswelt, sondern nach Italien, Deutschland und Frankreich. In Berlin wurden er und das ukrainische Volk mit dem Aachener Karlspreis ausgezeichnet – eine Geste im Sinne der gemeinsamen europäischen Werte. Dennoch sind es jetzt vor allem die Panzer und anderes Kriegsgerät der Europäer, die Selenskij für die ukrainische Gegenoffensive dringend braucht. Dabei spielt die Ukraine gegen die Zeit, in einer Welt, deren Aufmerksamkeit ermüdet und die durch die eigenen Sorgen sehr gefordert ist. Mit dem schrecklichen, aber leisen Ton des Krieges im Hintergrund.
„Auch die Aufmerksamkeit für den Krieg in der Nachbarschaft ist müde geworden.“
Julia Ortner
julia.ortner@vn.at
Julia Ortner ist Journalistin mit Vorarlberger Wurzeln, lebt in Wien und arbeitet für den ORF-Report.
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