Wirtschaftsforscher: „Bei 50 bis 60 Prozent gibt es einen Reallohnverlust“

Politik / 14.05.2023 • 16:00 Uhr
Vor allem jene Produkte, die überlebenswichtig sind, werden dem Forscher zufolge wesentlich teurer: Erstens Energie, zweitens Lebensmittel, drittens Wohnen. <span class="copyright">APA/Gindl</span>
Vor allem jene Produkte, die überlebenswichtig sind, werden dem Forscher zufolge wesentlich teurer: Erstens Energie, zweitens Lebensmittel, drittens Wohnen. APA/Gindl

Einkommen halten nicht mit der Teuerung mit, sagt Schulmeister.

SCHWARZACH Trotz Teuerung sieht Vizekanzler Werner Kogler (Grünen) keinen Kaufkraftverlust in Österreich und Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP) sogar eine weitere Zunahme. Wirtschaftsforscher Stephan Schulmeister bezweifelt dies: „Bei den unteren 50 bis 60 Prozent ist es natürlich zu einem Reallohnverlust gekommen“, ist er überzeugt. Bei ihnen seien die Löhne also nicht so stark gestiegen wie die Preise, sodass sie sich weniger leisten können.

Zum einen liegt das laut Schulmeister daran, dass bei den Lohnerhöhungen zurückliegende Preisentwicklungen maßgebend sind. In Zeiten, in denen gefühlt wöchentlich vieles teurer wird, ist das ein Nachteil. Zum anderen würden vor allem jene Produkte wesentlich teurer werden, die überlebenswichtig sind: „Erstens Energie, zweitens Lebensmittel, drittens Wohnen.“ Das setze vor allem Beziehern kleinerer Einkommen zu. Bei ihnen entfällt ein wesentlich größerer Teil der Ausgaben auf diese drei Bereiche als bei Besserverdienenden. Hier mache sich die Teuerung daher „überproportional“ bemerkbar, so Schulmeister.

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“Nicht sehr intelligente Zinspolitik”

Das sei auch insofern ein Problem, als es sich auf die wirtschaftliche Entwicklung auswirken könnte: „Meine große Sorge ist, dass die Nachfrage der Österreicher:innen nach eigenen Produkten gedämpft wird.“ Umso mehr, als es auch eine „nicht sehr intelligente Zinspolitik“ der Europäischen Zentralbank gebe: „Vor allem jüngere Haushalte sind verschuldet. Von ihnen ist es ein erheblicher Teil wiederum im Rahmen einer Wohnbaufinanzierung. Sie kommen jetzt voll dran.“ Die Zinszahlungen hätten massiv zugenommen.

Wirtschaftsforscher Stephan Schulmeister. <span class="copyright">APA/Pfarrhofer</span>
Wirtschaftsforscher Stephan Schulmeister. APA/Pfarrhofer

Schulmeister befürchtet, dass sich die Ungleichheit in der Gesellschaft beschleunigt: „Bei der Frage, wie gut es einer Gesellschaft geht, kommt es nicht auf den Durchschnitt, sondern auf die Verteilung an.“ Insofern müsse man auch vorsichtig sein, wenn man sage, es gebe ein hohes Wohlstandsniveau, etwas weniger sei daher möglich. Für eine Familie mit drei Kindern könne es bedeuten, dass nach dem Urlaub der Skikurs und letztlich auch der Kinobesuch mit Freunden gestrichen sei. Dadurch werde ihre Teilhabe am gesellschaftlichen Leben eingeschränkt.

Was tun? „Die Inflation muss man bekämpfen, wo sie entsteht“, sagt der Wirtschaftsforscher: „Bei der Preissetzung.“ Wenn zum Beispiel Milch um 50 Prozent teurer werde, sei das nicht nur auf Faktoren wie die Energiekosten zurückzuführen. Schulmeister spricht vielmehr von einer „Körbelgeldinflation“. Auf dem Weg von Produzenten zu Konsumenten bleibe etwas liegen. Man müsse sich genauer anschauen, wo das der Fall ist. Und was den Immobilienbereich betrifft, wären Begrenzungen wie eine Mietpreisbremse vernünftig gewesen, so der 75-Jährige, der betont, „an sich kein Freund von Preisregulierungen“ zu sein. Hier aber wären sie klug gewesen. ÖVP und Grüne konnten sich jedoch nicht darauf verständigen.