„Uns zerreißt es gerade die Kalkulation“

Arzneimittelgroßhandel beklagt prekäre Vergütungssituation und warnt vor den Folgen.
Schwarzach Engpässe bei Medikamenten waren im heurigen Winter ein Dauerthema. Die fünf Großhändler in Österreich plagen aber auch wirtschaftliche Sorgen. Energie-, Treibstoff- und Personalkosten sind immens gestiegen, Arzneimittel hingegen oft billiger geworden als das Briefporto. „Wir brauchen eine Lösung, ansonsten könnten die günstigen Medikamente bald nicht mehr geliefert werden“, warnt Dr. Andreas Windischbauer. Bis 2000 unterhielt sein Unternehmen, die Herba Chemosan, ein Krisenlager in Vorarlberg. Solche Krisenlager würden seiner Ansicht nach Sicherheit in der Arzneimittelversorgung bringen.

Wie ist es generell um die Arzneimittelversorgung in Österreich bestellt?
In manchen Bereichen ist die Situation angespannt, bei den Antibiotikasäften für Kinder hat sie sich ein wenig entspannt. Wir sind aber in der Tat an einer Katastrophe vorbeigerauscht. Der Großhandel hat es im März noch geschafft, aus anderen Ländern mehr als 10.000 Packungen nach Österreich zu holen, sonst hätte es keinen einzigen Saft mehr gegeben.
Welche Rolle spielt der Preis? Österreich gilt ja als Land, das eher weniger bezahlt.
Wir hängen davon ab, welche Kontingente die Industrie für Österreich vorgesehen hat. Dabei handelt es sich in der Regel um sehr günstige, um nicht zu sagen wahnsinnig billige Arzneimittel. Man kann sich kaum vorstellen, wie günstig Arzneimittel in der Massenversorgung geworden sind. 70 Prozent der Arzneimittel kosten unter sechs Euro.
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Wie stehen Sie zur Forderung nach Produktionsstätten in Europa?
Die geopolitische Abhängigkeit vom asiatischen Markt ist gigantisch hoch. Die Gasabhängigkeit von Russland ist nichts dagegen. Sicher macht es Sinn, die Produktion nach Europa zu holen, das ist jedoch ein EU-Projekt und wird lange dauern. Wir müssen uns darauf einstellen, damit wir nicht bei der kleinsten Kleinigkeit in große Schwierigkeiten geraten. Gerade als kleines Land mit einem niedrigen Preisniveau sind wir eher gefährdet, als Länder mit einem besseren.
Welche Arzneimittel sind speziell von Lieferengpässen bedroht?
Das geht quer durch. Es fällt nur dort nicht so auf, wo es Alternativpräparate gibt, aber wir sind tagtäglich damit beschäftigt. Wir als Großhandel haben in vielen Bereichen eine Mangelverwaltung, jedoch mit Präparaten, die wir aus wirtschaftlichen Gründen schon gar nicht mehr führen dürften. Uns zerreißt es gerade die Kalkulation, weil wir stark sinkende Preise und gleichzeitig stark steigende Kosten haben.
Das heißt konkret?
Kostet ein Präparat einen Euro, schlagen wir 15,5 Prozent auf, das heißt, wir bekommen 15,5 Cent. Um dieses Geld kann ich das Produkt nicht einmal einkaufen. Der Dachverband der Sozialversicherungsträger verhandelt mit der Industrie über weitere Preissenkungen, nur mit uns redet keiner. Das alles wird dazu führen, dass wir unser Geschäftsmodell überdenken müssen und die Verfügbarkeit von günstigen Arzneimitteln sehr viel schlechter wird oder gar nicht mehr gegeben ist.
Wie sieht der Kontakt zum Dachverband und zum Gesundheitsministerium aus?
Mit dem Dachverband gibt es gute Gespräche. Für sie ist wichtig, dass Patienten die günstigen Präparate rasch bekommen. Mit dem Ministerium hatten wir erst dieser Tage die Gelegenheit zu Gesprächen. Da war es für uns in der Vergangenheit unmöglich, einen Termin zu bekommen. Jetzt sieht es so aus, dass die Notwendigkeit von Maßnahmen erkannt wird, um eine weitere schlechte Situation im nächsten Winter zu vermeiden.
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Welche Lösungen braucht es?
Wir hatten bis Anfang 2000 ein Krisenlager in Vorarlberg. Das hat gut funktioniert. Es gibt immer einen gewissen Vorrat an Arzneimitteln. Im Krisenfall kann das Land oder der Staat benötigte Medikamente freigeben. Das macht schon Sinn. Es muss aber auch die Vergütung neu geregelt werden. Sie ist seit 2004 gleich. Andererseits haben wir enorme Investitionen, etwa in die Cybersicherheit. Würde nur die Herba lahmgelegt, gäbe es innerhalb von zwei bis drei Tagen keine Arzneimittel mehr.
Das klingt wie ein Ultimatum an die Verantwortlichen…
Ich will nicht gezwungen sein, etwas zu tun, aber der wirtschaftlichen Schwerkraft kann ich nicht entgehen.