Kein höheres Gehalt für Pädagogen im Land

Bildungsminister Martin Polaschek räumt aber schwierige Konkurrenzsituation Vorarlbergs ein.
Wien Bildungs- und Wissenschaftsminister Martin Polaschek berichtet im VN-Gespräch über die großen Brocken, die er noch bis Ende der Legislaturperiode aus dem Weg räumen möchte. Dass sich Vorarlberg bei der Lehrersuche in einer besonderen Konkurrenzsituation befindet, räumt er ein. Extrazahlungen seien aber nicht möglich. Er setzt stattdessen auf ein attraktiveres Studium und Quereinsteiger.
Die Pandemie hat eines gezeigt: In Teilen der österreichischen Bevölkerung herrscht Wissenschaftsfeindlichkeit. Versagt hier das Schulsystem?
Polaschek: Die Eurobarometerstudie 2021 hat leider gezeigt, dass Österreich an vorletzter Stelle ist, was das Vertrauen in die Wissenschaft anbelangt. Als Bildungsminister ist das für mich ein ganz klarer Handlungsauftrag. Unter anderem habe ich eine Ursachenstudie in Auftrag gegeben, die das Institut für Höhere Studien (IHS) durchführt und bis Sommer fertig wird. Sie untersucht die wichtigsten Ursachen für Wissenschaftsskepsis und ob es regionale oder sozioökonomische Unterschiede gibt – um dann passgenau mit Maßnahmen tätig zu werden.
Werden schon jetzt Schritte gesetzt?
Natürlich muss man als erstes in Schulen, bei den jungen Menschen ansetzen. Wir haben seit März Wissenschaftsbotschafterinnen und -botschafter. Mehr als 300 Menschen haben sich gemeldet, um den Kindern zu zeigen, was es bedeutet, Wissenschaft zu betreiben. Zudem erklären sie, dass sie nicht immer einfache Antworten geben kann. Vielleicht können wir die eine oder den anderen auch dafür begeistern, selbst in die Wissenschaft zu gehen.
Wie geht es Ihnen als Wissenschaftsminister mit dem Programm der niederösterreichischen Landesregierung? Einige Punkte von schwarz-blau werden sogar als wissenschaftsfeindlich kritisiert.
Man muss da die Kirche im Dorf lassen. Wenn man sich anschaut, wie viele Aktivitäten von Bundesseite gesetzt werden, sehe ich hier für unsere Maßnahmen kein Problem. Dass die FPÖ generell eine Schwierigkeit mit der Pandemie und der Impfung hat, wissen wir. Ich finde es wichtig, im Bildungsbereich dafür zu sorgen, dass wir die Folgen der Pandemie gut bewältigen und alles tun, um den Kindern und Jugendlichen den Weg zurück in die Normalität zu ermöglichen.
Auch beim Klimawandel scheint zum Teil ein Grundverständnis zu fehlen. Wie wollen Sie hier ansetzen?
Wir haben die Möglichkeit, durch die neuen Lehrpläne Themen vermehrt Unterrichtsfächer übergreifend aufzugreifen. Wir stellen auch noch mehr neues Informationsmaterial zur Verfügung. Mit unserer Initiative “Energie:Bewusst” bringen wir Nachhaltigkeit und den bewussten Umgang mit Ressourcen den Kindern und Jugendlichen näher und forderten sie zudem im Rahmen eines Ideenwettbewerbs konkret dazu auf, tätig zu werden. Wir wollen aus ihnen Energiebotschafter machen. Beim Wettbewerb soll sich die jeweilige Schule überlegen, wo gespart werden kann, und dieses Bewusstsein auch nach Hause mitgenommen werden. Aus 400 Einreichungen aus den Schulen küren wir gerade die Sieger.
Wie gefährlich ist es für die Demokratie, wenn Fake News zunehmen und gleichzeitig die Medienkompetenz scheinbar sinkt?
Mein Programm zur Bekämpfung der Wissenschaftsskepsis umfasst auch den Kampf gegen Demokratieskepsis. Pandemie, Digitalisierung: Unsere Welt ist in einem ständigen Wandel und das Tempo nimmt zu. Wir müssen Schule daher entsprechend anpassen. Mit dem Fach “digitale Grundbildung”, das allen Schülerinnen und Schülern von der fünften bis zur achten Schulstufe angeboten wird, wurde nun ein erster Schritt gesetzt. Dabei geht es um technische Grundlagen, aber auch die Chancen und Gefahren wie Cybermobbing, Fake News und Medienkompetenz.
Wären künstliche Intelligenz und Programme wie Chat-GPT nicht auch wichtige Themen in den Schulen?
Unsere Welt ist stark im Wandel. Für mich ist klar: Wir brauchen eine neue Art von Unterricht, um den Kindern und Jugendlichen genau diese Themen näherzubringen: Von der Diversität, über das Klimabewusstsein, bis hin zu Demokratie.
Wie Sie sagen: Die Entwicklungen gehen immer schneller. Ist unser Bildungssystem zu starr? Müssen wir schneller reagieren?
In manchen Bereichen müssen wir schneller werden. Aus diesem Grund habe ich etwa das System der Lehrplanentwicklung reformiert. Bislang sind alle zehn Jahre größere Kommissionen zusammengetreten, um Lehrpläne zu überarbeiten. Wir haben ab sofort eine ständige Lehrplankommission, die Lehrpläne anpassen wird. Wir müssen flexibler und schneller werden. Wir haben sehr viele Möglichkeiten, dass Schulen autonom Maßnahmen setzen. Als Chat-GPT nun aufgekommen ist, haben wir sehr rasch erste Informationsmaterialien an die Lehrerinnen und Lehrer ausgegeben. Es arbeiten verschiedene Expertinnen und Experten daran, wie KI künftig Unterricht und Bildung beeinflussen wird.
All das erfordert Personal. Gerade auch in Vorarlberg ist die Pensionswelle und ein genereller Lehrermangel Thema. Ihre Kampagne “Klasse Job” stieß auf Kritik.
Mit Klasse Job haben wir die größte Lehrkräfteoffensive der Zweiten Republik gestartet. Natürlich ist es schade, dass die Initiative bei Einzelnen nicht ankommt. Uns geht es dabei aufzuzeigen, was die Lehrpersonen jeden Tag in den Schulen leisten und was für ein verantwortungsvoller und schöner Beruf das ist. Die Lehramtsstudien werden reformiert. Wenn wir mehr junge Leute begeistern wollen, müssen wir auch die Studien attraktiver gestalten. Mit dem einfacheren Quereinstieg wollen wir Menschen aus der Praxis gewinnen.
Die überbordende Bürokratie wird vor allem von Direktoren in Vorarlberg scharf kritisiert. Und als Grund genannt, warum sich viele diesen Job nicht mehr antun wollen.
Ich habe sehr bald nach meinem Amtsantritt einen Erlass herausgegeben, um Lehrerinnen und Lehrer vom administrativen Aufwand zu entlasten. Gerade in Zeiten der Pandemie sind noch weitere Herausforderungen aufgetreten. Wir haben die Standesvertretung auch gebeten, Vorschläge zu machen, wo wir weiter entlasten können. Auf dieser Basis haben wir im Herbst einen weiteren Erlass in Kraft gesetzt. Außerdem haben wir im Rahmen des Bund-Länder-Vertrags zur Elementarpädagogik die Zahl der vom Bund finanzierten Stellen im administrativen Unterstützungsbereich von 400 auf 700 aufgestockt.
Nach den Notfallplänen für die Pandemie, müssen Lehrer nun Black-Out-Pläne erarbeiten. Ist das wirklich Aufgabe von Lehrern?
Wir müssen uns überlegen, wie wir mit einem Black Out umgehen. Es ist daher wichtig sich zu überlegen, wer welche Entscheidungen in einem großen Gebäude trifft. Das können wir nicht durch einen Erlass vorgeben. Diese Mühe wird man sich vor Ort machen müssen.
Dauerthema Gemeinsame Schule: Haben Sie die im Land gesetzten Initiativen noch am Radar – es gab ja gerade unlängst wieder Bestrebungen?
Wir sind diesbezüglich in Kontakt mit der Bildungsdirektion Vorarlberg. Aktuell sehen wir bundesweit keinen Anlass für weitere Diskussionen.
Die Lebenserhaltungskosten sind in Vorarlberg relativ hoch. Können Sie sich mit Blick auf die Konkurrenzsituation mit der Schweiz oder Deutschland vorstellen, dass es für dort tätige Pädagogen ein Extrageld gibt?
Mir ist bewusst, dass gerade Vorarlberg hier in einer besonderen Konkurrenzsituation ist. Aber es ist dienstrechtlich nicht möglich für Personen, die vom Bund bezahlt werden, unterschiedliche Gehälter abhängig vom Bundesland vorzusehen. Bayern versucht mit Gehaltssteigerungen und Prämien anzuwerben. Das trifft auch innerhalb von Deutschland nicht gerade auf Wohlgefallen.
Apropos Konkurrenz unter den Bundesländern. Das Projekt „Arbeitsplatz Schule“ in Vorarlberg wirbt um Lehrpersonal auch aus anderen Bundesländern. Wie sehen Sie diesen Konkurrenzkampf?
Mein Ziel ist möglichst mehr Personal in das System zu bringen. Denn eines ist klar: Wir leben in einem föderalen Staat und Bundesländer haben unterschiedliche Interessen.
Was halten Sie von der Deutschpflicht in Schulpausen, wie es die niederösterreichische Landesregierung fordert?
Die Aufforderung, dass auch in den Pausen Deutsch gesprochen wird, ist durchaus diskussionswürdig. Denn die deutsche Sprache zu beherrschen, verbessert alle Möglichkeiten am gesellschaftlichen Leben in unserem Land teilzuhaben.
Der Rechnungshof hat im Februar grobe Mängel bei den Bildungsdirektionen festgestellt. Hauptproblem sei die Kompetenzzersplitterung. Müsste über eine Reform nachgedacht werden?
Man darf nicht vergessen, dass die Zusammenlegung der Schulverwaltung des Bundes und der Länder in Bildungsdirektionen bereits ein sehr großer Schritt war. Jetzt sind die Bildungsdirektionen aufgefordert, ihre Prozesse entsprechend zu überarbeiten. In einigen Bereichen gibt es durchaus Verbesserungspotenzial.
Fachhochschulen (FH) und Österreichische HochschülerInnenschaft (ÖH) haben Ende März Widerstand gegen den neuen FH-Entwicklungs- und Finanzierungsplan angekündigt. Hat es hier Gespräche gegeben?
Meine Mitarbeiter aus dem Wissenschaftsministerium und ich sind in regelmäßigem Austausch mit der Fachhochschulenkonferenz. Das Paket, dass wir geschnürt haben, ist ein gutes. Insgesamt wird die Finanzierung der vom Bund gestellten Studienplätze um 26,5 Prozent erhöht. Wir haben auch die Kritik zur Ausweitung sehr ernst genommen. Daher werden wir in drei Tranchen noch einmal um 1050 Plätze drauflegen. Obwohl, wie ich betonen darf, ein Siebtel der Plätze von Fachhochschulen nicht belegt werden können. Zudem haben wir 14 Millionen Euro für Sonderprojekte zur Verfügung gestellt. Die Beteiligung von Fachhochschulen an europäischen Hochschulallianzen (European University Initiative) oder Projekte zur vertieften Zusammenarbeit mit anderen Hochschulen und Unternehmen können aus diesen Mitteln gefördert werden.