Medikamenten-Engpass: Darum sorgen deutsche Pläne in Österreich für Kritik

Die Lage bleibt angespannt, besonders bei Antiobiotikasäften für Kinder.
Schruns, Wien Der Engpass an Medikamenten will kein Ende nehmen. Das Problem betrifft nicht nur Österreich. Deutschland prescht nun mit einem Gesetzesentwurf vor, der hierzulande für Ärger sorgt. Das Ministerium von Johannes Rauch (Grüne) sieht eine langfristige Lösung nur auf europäischer Ebene.
Mehr als 570 Präparate
Das Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen listete am Freitag in seiner Datenbank mehr als 570 Präparate auf, die nur eingeschränkt oder gar nicht verfügbar sind. Dort werden aber auch verschiedene Packungsgrößen des gleichen Medikaments ausgewiesen.
Vorarlbergs Apothekerkammer-Präsident Christof van Dellen spricht von einer nach wie vor “angespannten Lage”, speziell was Antibiotikasäfte für Kinder angeht. Auch Tropfen, die bei Verdauungsproblemen eingenommen werden, bleiben bereits zunehmend aus, gibt der Leiter der Kur-Apotheke in Schruns zu bedenken. Meistens gelinge es, eine Lösung zu finden. So könnten die Apotheker zum Teil auch selbst Antiobiotikasäfte herstellen.

Deutschland will das Problem mit einem neuen Gesetzesentwurf angehen. Gesundheitsminister Karl Lauterbach plant neue Preisregeln, um Engpässe bei wichtigen Präparaten zu vermeiden. Dann könnte es für Hersteller attraktiver sein, nach Deutschland zu liefern. So wäre es etwa möglich, dass sie die Preise für Kindermedikamente um bis zu 50 Prozent hinaufsetzen. Kritische Reaktionen aus Österreich ließen nicht lange auf sich warten. Apothekerkammerpräsident van Dellen hält die deutschen Pläne für unsolidarisch. „Im Endeffekt werden die Händler dorthin verkaufen, wo sie mehr Geld verdienen können.“ Österreich hätte das Nachsehen, befürchtet er.
Als „europäisch unsolidarisch“ bezeichnete auch Sozialversicherungschef Peter Lehner den Entwurf. Er schließe aber aus, dass Deutschland nun mehr Medikamente bekommt als Österreich. „Wir haben europäisch gesehen Lieferengpässe. Die kann man langfristig lösen, indem wir Produktion nach Europa zurückholen.“ Auf Ö1 führte der Vorsitzende der Konferenz der Sozialversicherungsträger auch an, dass Produzenten hierzulande Preiserhöhungsanträge stellen können. „Das passiert laufend und das wird in den letzten Jahren zu 90 Prozent von uns auch genehmigt.“

Auf VN-Anfrage nennt das Gesundheitsministerium ebenfalls Probleme bei Produktion und Lieferketten als wichtigste Ursache für den Engpass. Die meisten europäischen Länder seien trotz verschiedener Preisniveaus von den jüngsten Liefer- und Versorgungsengpässen bedroht. „Österreich liegt bei den Ausgaben für Medikamente außerdem im EU-Mittelfeld, es kann also nicht von einer nachteiligen Behandlung ausgegangen werden.“ Die Preise für Generika, also Arzneimittel mit einem identischen Wirkstoff wie ein früher patentgeschütztes Präparat, lägen sogar rund 20 Prozent über dem deutschen Niveau. Gerade im Bereich der Kindermedikamente sei das von großer Bedeutung.
Zusätzliche Lieferungen
Das Ministerium arbeite bereits an “schnell wirksamen Maßnahmen”, um die Lage zu entspannen, hieß es. „So konnten zwei zusätzliche Medikamentenlieferungen für März beziehungsweise April gesichert werden.“ Schon jetzt sei es den Apotheken möglich, über sogenannte magistrale Zubereitungen verschiedene Antibiotikasäfte für Kinder selbst herzustellen. Auch die von Lehner genannte Möglichkeit für Händler, für einzelne Produkte und Produktgruppen einen Antrag auf Preiserhöhung bei der Sozialversicherung einzubringen, nennt das Ressort von Johannes Rauch.

Um einen Engpass künftig zu vermeiden, gelte es, die Reserven von Medikamenten und Wirkstoffen langfristig zu erhöhen. Dazu liefen bereits Gespräche mit dem pharmazeutischen Großhandel und den Arzneimittelherstellern. Langfristig hält das Gesundheitsministerium das Problem jedoch nur auf europäischer Ebene für lösbar und verweist in diesem Zusammenhang auf eine aktualisierte EU-Pharmaregulierung. Die EU-Kommission veröffentliche diese in den nächsten Wochen. Ziel sei es, die Produktion wieder nach Europa zu bringen und Medikamente ohne Einschränkungen „verfügbar, allgemein zugänglich und leistbar zu halten“.
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Grafik vom 9. März 2023.
Apotheker van Dellen übt sich in Optimismus. Er rechne bald mit Entspannung, wohl bis Ende des Monats, sagt er. Das liegt an den zunehmend wärmeren Temperaturen im Frühling. „Dann kommt die Zeit, in der die bakteriellen Infekte zurückgehen.“