Nebelkerze E-Fuels: Die EU ringt um eine Lösung bei Verbrennermotoren

Politik / 21.03.2023 • 18:25 Uhr
Heiß begehrt, aber knapp: Synthetische Kraftstoffe, sogenannte E-Fuels. Experten warnen davor, sie als massentaugliche Lösung im motorisierten Individualverkehr zu sehen.<span class="copyright">AP</span>
Heiß begehrt, aber knapp: Synthetische Kraftstoffe, sogenannte E-Fuels. Experten warnen davor, sie als massentaugliche Lösung im motorisierten Individualverkehr zu sehen.AP

Der Grüne Klimaexperte Adi Gross macht auf Kosten, Ineffizienz und schlechte Umweltbilanz von E-Fuels aufmerksam.

Wien, Brüssel Die Europäische Union ringt um eine Lösung beim klimaschädlichen Straßenverkehr. Eigentlich war das Aus für Verbrennermotoren ab 2035 bereits beschlossene Sache. Doch Deutschland stellte sich zuletzt quer. Auch Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP) sprach sich in seiner groß inszenierten Rede vehement gegen deren Ende aus, die VN berichteten. Ein Vorschlag der EU-Kommission will nun die Verbrennermotoren weiter zulassen, sofern sie ausschließlich mit künstlich hergestellten E-Fuels (Electrofuels) betankt werden. Klima- und wirtschaftspolitisch sei das ein Schuss ins Knie, sagt Bundesrat Adi Gross (Grüne). Der Dornbirner ist Experte für Klima- und Energiethemen. 

Energiebedarf für E-Fuels enorm

Laut EU-Kommissionsvorschlag sollen die Autos erkennen, ob sie mit Benzin oder Diesel betankt werden und sich automatisch abschalten. E-Fuels gelten aber als knapp, teuer und ineffizient. Technisch wird in der Regel aus Wasser mit Strom Wasserstoff hergestellt. Mit Kohlendioxid verbunden kann der Kraftstoff, je nach Art der chemischen Verbindung, die Eigenschaft von Diesel, Benzin oder Kerosin haben. “Der Vorgang braucht extrem viel Energie. Und dann verbrennt man die E-Fuels in einem Verbrennermotor, der einen Nutzungsgrad von 25 Prozent hat? Das hat mit Innovation nichts zu tun”, kritisiert Gross.

Der Bundesrat hat berechnet, wieviel Ökostrom es ungefähr bräuchte, um die gesamte Lkw-Flotte in Österreich mit E-Fuels zu betreiben: „Das wären um die 90 Terrawattstunden. Dazu bräuchten wir Abertausende Windräder und mehrere hundert Quadratkilometer PV.” Ein Vergleich: E-Fuels verbrauchen mindestens fünfmal so viel Energie wie heute verfügbare E-Autos.

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E-Fuels in Flugindustrie benötigt

Es sei eine “Nebelkerze”, wenn die EU am Verbrennermotor festhalten würde – auch mit E-Fuels, sagt auch Jochem Marotzke, Direktor des Max-Planck-Instituts für Meteorologie in Hamburg: “Es wird nur winzige Mengen E-Fuels geben, die braucht man für den Flugverkehr, denn der lässt sich nicht elektrifizieren.” Diesen Punkt teilt Gross: “Die E-Fuels haben eine Berechtigung überall dort, wo sich die kommenden 20 Jahre keine Alternative abzeichnet. Auch zur Dekarbonisierung der Industrie brauchen wir Wasserstoff. Das betrifft die Stahlindustrie, große Teile der Chemieindustrie. Wenn wir das in Verbrennerautos im Individualverkehr schicken, dann ziehen wir der Industrie die wertvollen Rohstoffe ab. Das ist für mich wirtschaftspolitisch fahrlässig.”

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Lärm und Abgase

Die Klimabilanz der E-Fuels ist nur bedingt besser. Für ihre Herstellung kann der Atmosphäre auch Kohlendioxid entzogen werden. Doch auch das kostet Energie, da die CO2-Konzentration in der Luft sehr gering ist. Die Verbrennung der E-Kraftstoffe in Motoren erzeugt schließlich genauso viel umweltschädliche Abgase wie bei Kraftstoffen aus fossilen Quellen. „Zudem bleibt der Lärmpegel gleich hoch“, ergänzt Gross.

Hoher Energieverbrauch im Verkehr

Das Problem des CO2-Ausstoßes durch Privat-Pkw ist enorm. Der Verkehrsclub Österreich liefert in der neuen Publikation „Energiewende im Verkehr voranbringen“ Zahlen: Ein Drittel von Österreichs Energiebedarf brauche der Verkehr, davon wiederum 90 Prozent der Kfz-Verkehr. Und dieser sei fast zur Gänze, nämlich zu 92 Prozent, von Erdöl abhängig. Kfz-Motoren verbrennen 75 Prozent des gesamten verbrauchten Erdöls in Österreich. Der VCÖ sieht in den E-Fuels jedoch keine nachhaltige Alternative.

Ölindustrie lobbyiert für E-Fuels

Befürworter der E-Fuels für den motorisierten Individualverkehr führen den Status quo als Argument an. Weltweit gibt es aktuell noch etwa 1,4 Milliarden Fahrzeuge mit Verbrennermotoren. Die Produktion alternativer Fahrzeuge würde ebenfalls enorme Mengen von Energie verbrauchen. Für Verbrenner könnten synthetische Kraftstoffe deshalb mittelfristig eine Lösung sein. Ein starker Fürsprecher in der internationalen Debatte ist die „eFuel Alliance“. Die Mehrheit ihrer Mitglieder kommt aus dem Bereich des Mineralölhandels, der Mineralölindustrie und der Automobilindustrie. Doch selbst Autohersteller wie Mercedes oder VW gehen mittlerweile davon aus, dass sich langfristig nur das Elektroauto durchsetzen kann.

Der Grüne Bundesrat kritisiert das Festhalten an Verbrennermotoren: "Innovation heißt auch Abschied nehmen." <span class="copyright">Oliver Lerch</span>
Der Grüne Bundesrat kritisiert das Festhalten an Verbrennermotoren: "Innovation heißt auch Abschied nehmen." Oliver Lerch

Planungssicherheit fehlt

“Wirtschaftspolitisch ist es so wichtig, dass man Planungssicherheit für den Ausstieg aus dem Verbrennermotor hat. Wenn man das jetzt versäumt und mit so einer Debatte blockiert, gefährdet das die europäische Autoindustrie”, sagt Gross. Gerade Österreich liege bei der technischen Entwicklung jetzt schon viele Jahre hinter China. “Innovation heißt in neue Technologien zu investieren. Und Innovation heißt auch Abschied nehmen.“