Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Tratsch ist Macht

Politik / 13.12.2022 • 06:29 Uhr

Eine Ex-Bundestagsabgeordnete, ein Prinz, hohe Ex-Offiziere und ein TV-Koch gegen den Staat. Ihr Ziel soll der politische Umsturz in Deutschland und die Machtübernahme gewesen sein. Bevor sie diese Idee umsetzen konnten, wurden sie vergangene Woche bei koordinierten Razzien in Deutschland und Österreich festgenommen. Die Berichterstattung über diese Reichsbürger – solche Gruppen stellen sich offen gegen den Staat oder leugnen gar dessen Existenz – ist von höchster Relevanz. Aber offensichtlich müssen medial noch zusätzliche Details verbreitet werden, um die Geschichte interessanter zu gestalten. Also berichten viele Medien über den involvierten prominenten Koch als Schwiegervater eines berühmten Sportlers.

Der Sportler wird öfter mit Namen genannt, was ich an dieser Stelle bewusst nicht tun möchte, es gibt zum aktuellen Zeitpunkt keinerlei Grund dafür. Wer allerdings die vergangenen Tage nicht im tiefen Wald verbracht hat, konnte der Namensnennung auf Social Media oder in zahlreichen klassischen Medien nicht entgehen. Doch was hat der Schwiegersohn mit den Vorwürfen gegen seinen Schwiegervater zu tun? Nichts. Sein Name hat keine inhaltliche Relevanz und dient nur dem menschlichen Bedürfnis nach Tratsch und Zuordnung – „die Tochter von“, „der Bruder von“, solche Verortungen sind durchaus beliebt, um andere Menschen einzuordnen.
Tratsch ist Macht. Es geht dabei um die Freude an der kleinen oder großen Sensation im Leben anderer. Doch der Respekt vor der Intimsphäre jener, die selbst nicht in eine Affäre involviert sind (Verwandte, Partnerin, Partner), existiert medial nicht mehr in der gebotenen Form; und auch die Achtsamkeit im Umgang mit der Frage nach dem realen öffentlichen Interesse mancher Veröffentlichungen lässt zu wünschen übrig. Die Social-Media-Plattformen haben mit ihrer Beschleunigung zur weiteren Enthemmung beigetragen, sie sind allerdings nicht die alleinige Ursache der Entwicklung.

Der Respekt vor der Intimsphäre jener, die selbst nicht in eine Affäre involviert sind, existiert medial nicht mehr in der gebotenen Form.

Grenzüberschreitungen im Privatbereich von öffentlichen Personen gab es schon vor Social Media, als noch die klassischen Medien regierten. Etwa jener große Fall 2005, als die damalige Verlobte von Ex-Finanzminister und Ex-Politikstar Karl-Heinz Grasser in die Tratsch-Maschine gezogen wurde. Nachdem News mit einem Foto-Liebesroman von Grasser und Fiona Swarovski am Pariser Flughafen die politmediale Szene aufgeganselt hatte, wurde sogar ein Autounfall der Freundin Grassers zum Objekt diverser Spekulations-Geschichten, nicht nur in Boulevardmedien. Im Profil wurde die junge Frau zum Beispiel gefragt: „Wie ist der Unfall wirklich passiert? Und warum in der Favoritenstraße?“ Wer braucht relevante Informationen, wenn Tratsch so interessant sein kann.

Julia Ortner ist Journalistin mit Vorarlberger Wurzeln, lebt in Wien und arbeitet für den ORF-Report.