“Keine Option mehr, Natur sich selbst zu überlassen”

EU-Klimaziele sind nur mit gesunden Wäldern zu erreichen. Vorarlberg setzt auf mehrere Strategien.
Bregenz Bis 2050 sollen laut EU-Klimazielen nicht mehr Treibhausgase ausgestoßen als auf anderem Wege kompensiert werden. Das lässt sich ohne das Entfernen von CO2 aus der Atmosphäre nicht bewerkstelligen. Wälder können das auf natürliche Weise bewerkstelligen, indem sie Biomasse aufbauen. Wie lässt sich die Bindung von Kohlenstoff im Holz und in Waldboden weiter erhöhen? “Es ist keine Option mehr, die Natur sich selbst zu überlassen”, sagt Andreas Amann, Vorstand der Abteilung Forstwesen in der Vorarlberger Landesregierung. Dafür schreite die Erderwärmung zu rasch voran.

Vieles von dem, was sich jetzt im Wald natürlich verjüngt, wird in 100 Jahren eventuell nicht das Richtige sein , ergänzt Amann im VN-Gespräch. Ziel sei es, so der Experte, “nicht alles auf eine Karte zu setzen”. Daher setzt das Land Vorarlberg auf Mischwälder und zum Teil bereits auf neue Arten, die wärmere Temperaturen aushalten.
Der Wald als CO2-Parkplatz
Europas Wälder und Holzprodukte reduzieren derzeit den CO2-Fußabdruck der EU-Mitgliedsländer um jährlich geschätzte 380 Megatonnen CO2-Äquivalent. Das sind rund zehn Prozent der gesamten Treibhausgasemissionen der EU pro Jahr. Um die EU-Ziele zu erreichen, müssten laut eines Berichts des European Forest Institute (EFI) im Wald bzw. in möglichst lange verwendeten Holzprodukten zusätzlich zu den aktuell 380 Megatonnen CO2-Äquivalente pro Jahr alljährlich weitere 50 Megatonnen ab 2030, 100 Megatonnen ab 2035 und 170 Megatonnen ab dem Jahr 2050 geparkt werden.

Holzzuwachs nimmt im Alter ab
Umso wichtiger wird ein gesunder Wald, der an die Herausforderungen des Klimawandels angepasst wird und mehr CO2 einspeichern kann. Es gebe in diesem Bereich zwei Glaubensrichtungen, wie Amann schildert. Die eine Seite ist überzeugt, dass man den Wald am besten nicht mehr bewirtschaftet und sich dadurch sehr viel Kohlenstoff in der Biomasse ansammeln kann.
Doch besonders in Österreich und Deutschland befinde sich schon verhältnismäßig viel Holz im Wald. Dadurch wäre das Gleichgewicht zwischen Kohlenstoffspeicherung durch Zuwachs und Freisetzung aus absterbenden Bäumen bald erreicht. Gleichzeitig steigt das Risiko für Windwurf und Borkenkäfer, je älter der Wald wird; die Speicherfunktion durch Nichtstun wäre also keineswegs gewährleistet.

Wenn viel Biomasse abstirbt, wandert sie wieder als Kohlenstoffdioxid in die Atmosphäre. Zudem stagniert mit zunehmendem Alter der jährliche Holzzuwachs, sprich CO2-Parkplatz. “Den höchsten Holzzuwachs findet man in mittelalten Wäldern. Nach 100 Jahren beträgt er nur noch etwa die Hälfte des Maximums”, so Amann.
Eine intelligentere Möglichkeit zur CO2-Speicherung ist der Holzbau. Zwei interessante Aspekte würden sich dadurch ergeben, sagt Amann: Durch die Bewirtschaftung werde der Wald jünger gehalten, dadurch wird jährlich mehr CO2 aus der Luft für Wachstum entnommen, da die Wälder noch produktiver sind. Und je mehr Holz man verwendet, umso weniger Beton oder Stahl braucht man, die bei Produktion sehr CO2-intensiv sind.
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Dem Klimastress nach oben entkommen
Hinsichtlich der Klimaanpassung der Wälder sei Vorarlberg jedoch in einer guten Lage. Die nach Seehöhe zonierten Waldgesellschaften können in einem Gebirgsland wie Vorarlberg weiter nach oben wandern. Im Gegensatz zum Osten, also etwa in Wien und im Burgenland, wird sich zudem laut Prognosen bei den Niederschlägen nicht wesentlich viel ändern. Die größte Herausforderung liegt laut Amann in den tieferen Lagen. Daher werden neben zahlreichen andern Forschungsprojekten durch das Bundesamt für Wald und das Umweltbundesamt unterschiedliche ausländische Baumarten auf ihre Tauglichkeit getestet: Es wird etwa untersucht, wie ihr Wachstum ist, ob sie invasiv sind oder für andere Probleme im Ökosystem sorgen. Daraus werden Empfehlungen abgeleitet. Auch Vorarlberg beteiligt sich daran, der Endbericht soll laut Amann Ende Februar vorliegen.
Waldanteil in Österreich sehr hoch
Für Österreich wird das Zusatzpotenzial eher mit vier Megatonnen jährlich veranschlagt. Hierzulande seien die Möglichkeiten, durch Wiederaufforstung mehr Kohlenstoff zu binden, insgesamt eher gering, immerhin liegt Österreich mit seinem Waldanteil von um die 50 Prozent an der Staatsfläche bereits sehr hoch. Speicherpotenzial lasse sich dem Bericht zufolge vor allem durch Verbesserungen im Waldmanagement und in der Forcierung des Holzbaus heben.
“Man liest generell viele Katastrophenmeldungen. Aber diese Sichtweise ist etwas verkürzt”, sagt Andreas Amann. Denn natürlich gebe es Schäden, was auch eine große wirtschaftliche Belastung für die Eigentümer darstelle. “Aber Schadflächen sind für den Wald immer auch Potenzialflächen, auf denen man die Klimaanpassung der Wälder aktiv beginnen kann, um andere Baumarten zu pflanzen. Im bestehenden Wald, in dem es dunkel ist, hat man diese Möglichkeiten nicht”, erklärt der Experte. “Bei den Akteuren, die Panik verbreiten, herrscht oft die Vorstellung, dass der Wald trotz geänderten Klimas so bleiben kann, wie wir ihn kennen.” Mit geändertem Klima wird aber auch der Wald sein Gesicht verändern.