Neue Atompläne in Grenznähe

Wirbel um mögliche Mini-AKW-Projekte in Tschechien sorgen für Unruhe. Aktivistin Breiner ortet Augenauswischerei.
Bregenz, Prag Tschechien will deutlich mehr Atomstrom produzieren. Eine Schlüsselrolle könnten sogenannte Mini-AKW, also Kernkraftwerke im Kleinformat spielen. Das wirkt sich auch auf Österreich aus.
Denn die Pläne beziehen sich auf den Standort des Atomkraftwerks Temelin. Es befindet sich etwa 65 Kilometer von der österreichischen Grenze entfernt. Die Mini-AKW sollen wirtschaftlicher und sicherer sein. „Eine Augenauswischerei“, betont die Vorarlberger Anti-Atomkraft-Aktivistin Hildegard Breiner. Auch das Umweltministerium hat mit den Plänen keine Freude.
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Start frühestens 2032
Die Rede ist von „Small Modular Reactors“ (SMR). Für manche sind sie die Zukunft der Atomwirtschaft. Der Energieversorger CEZ, mehrheitlich in der Hand des tschechischen Staates, plant ein Pilotprojekt bei Temelin. Wie der oberösterreichische Anti-Atom-Beauftragte Dalibor Strasky zuletzt auf einer Pressekonferenz mitteilte, sollen daneben nächstes Jahr noch zwei bis drei weitere Standorte ausgewählt und eine Machbarkeitsstudie erstellt werden. Im Gespräch sind demnach Tušimice, Prunéřov, Ledvice, Poříčí und Dětmarovice – alles Standorte von bestehenden Kohlekraftwerken, die durch die kleinen AKW abgelöst werden könnten. Der Großteil liegt an der Grenze zu Deutschland und Polen. In Frage kommen offenbar kleine modulare Druckwasserreaktoren. 2032 könnte der erste bei Temelin in Betrieb gehen.
Das Umweltministerium äußert sich kritisch. “Die Atomenergie hat in einem klimafreundlichen und zukunftsfitten Energiesystem keinen Platz. Sie ist zu langsam, zu teuer und vor allem auch zu gefährlich”, teilt das Ressort von Leonore Gewessler (Grüne) auf VN-Anfrage mit. Dies zeige sich derzeit gerade in Frankreich. Dort seien unzuverlässige Atomkraftwerke ausgefallen und setzten damit die gesamte Energieversorgung unter Druck. “Zudem gibt es im Bereich SMR weltweit noch kaum Erfahrung. In Europa existiert dieses Konzept überhaupt nur auf dem Papier.” Das Ministerium verweist aber darauf, dass pro produzierter Kilowattstunde Strom auch mehr radioaktiver Abfall als in herkömmlichen AKW entstehe. “Aus all diesen Gründen werden wir sowohl in unseren bilateralen Gesprächen als auch auf europäischer Ebene konsequent gegen den Ausbau der Atomkraft, insbesondere in Grenznähe, auftreten.”

Auch Anti-Atomkraft-Aktivistin und Russ-Preis-Trägerin Hildegard Breiner kann in den Mini-Kraftwerken keinerlei Fortschritt erkennen. „Es ist genau das gleiche wie bisher. Es handelt sich nur um kleinere AKW, die nun als neu verkauft werden sollen.“ Bei einem Unfall drohe im schlimmsten Fall Zerstörung und Verstrahlung, selbst wenn das AKW kleiner ist.
Auch Anti-Atomkraft-Aktivistin und Russ-Preis-Trägerin Hildegard Breiner kann in den Mini-Kraftwerken keinerlei Fortschritt erkennen. „Es ist genau das gleiche wie bisher. Es handelt sich nur um kleinere AKW, die als neu verkauft werden sollen.“ Bei einem Unfall drohe im schlimmsten Fall Zerstörung und Verstrahlung, selbst wenn das AKW kleiner ist. Eine weitaus sinnvollere Investition sei stattdessen ein Ausbau in erneuerbare Energie. „Meine Hoffnung ist, wie bei den sonstigen Bemühungen der Atomindustrie auch, dass es sich finanziell nicht mehr ausgehen wird.“ Immerhin sei Atomkraft zunehmend teuer und unwirtschaftlich. Zudem gibt Breiner zu bedenken: „Auch die kleinen Reaktoren brauchen Uran. Ein großer Teil der Lieferungen nach Europa kommt aus Russland.” Sie spricht von einer “alten, neuen Abhängigkeit.”

Keine eigenen AKW
Österreich betreibt selbst keine eigenen Atomkraftwerke, ist aber von mehreren in den Nachbarstaaten umzingelt. Gerade zu Spitzenzeiten im Winter wird auch Atomstrom importiert. In Grenznähe zu Vorarlberg liegen die Schweizer AKW Gösgen, Leibstadt und Beznau sowie Neckarwestheim im deutschen Bundesland Baden-Württemberg. Zuletzt sorgte auch der geplante Standort eines künftigen Atommüllendlagers in der Schweiz für Unruhe: Er könnte nur 100 Kilometer von der Landesgrenze entfernt sein.