Sausgruber über die Politik: “Erste Empfehlung: Hausverstand einschalten“

Politik / 09.11.2022 • 17:30 Uhr
Herbert Sausgruber war von 1997 bis 2011 Landeshauptmann. <span class="copyright">VN/Serra</span>
Herbert Sausgruber war von 1997 bis 2011 Landeshauptmann. VN/Serra

Alt-Landeshauptmann über „Fensterchancen“ und die Handlungsfähigkeit der EU.

Götzis Das Feuer flackerte zwar nur digital auf der Leinwand. Doch das von der Bruderschaft St. Anna und St. Arbogast veranstaltete Kamingespräch mit dem früheren langjährigen Landeshauptmann Herbert Sausgruber (ÖVP) in der Volkshochschule Götzis sollte ganz im Zeichen der sogenannten Fireside Chats stehen – den Radioansprachen des ehemaligen US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt. In zwangsloser Atmosphäre sprach Sausgruber über seine politischen Erfahrungen und Herausforderungen. Besonders deutlich wurde der 76-Jährige beim Thema EU: „Wenn es uns gelingt, die Handlungsfähigkeit der Europäischen Union weiter auszubauen, können wir großräumige Entscheidungen mit beeinflussen.“ Andernfalls sei man nur „Objekt der Entwicklung“; und dies sei immer Glückssache.

Viel Arbeit

„Politik ist keine Unterhaltungsveranstaltung“, unterstrich der frühere Landeshauptmann gleich zu Beginn. Wer die Realität konstruktiv verändern wolle, müsse erstens mit viel Arbeit und zweitens mit Langeweile rechnen. Fortschritte fänden nur schrittweise statt. „Der wirklich große Wurf kommt selten vor.“ Sausgruber gab einen grundsätzlichen Ratschlag. „Die erste Empfehlung lautet: Hausverstand einschalten. Wenn man denn einen hat.“ Was den Plan angehe, möglichst wenige Schulden zu machen, gelte etwa: Je mehr Fremdmittel benötigt würden, um aktuelle Bedürfnisse zu befriedigen, desto weniger Spielraum gebe es in der Zukunft. Anders sehe es bei Krisen aus. „In außergewöhnlichen Situationen Schulden zu machen, ist nicht nur in Ordnung, sondern auch Teil der Strategie.“ Klar sei: „Politische Handlungsfähigkeit heißt finanzielle Handlungsfähigkeit.“

Der heute 76-Jährige hat die Vorarlberger Politik geprägt. Der ÖVP gehört er seit 1964 an. <span class="copyright">VN/Steurer</span>
Der heute 76-Jährige hat die Vorarlberger Politik geprägt. Der ÖVP gehört er seit 1964 an. VN/Steurer

In seinen Ausführungen vor den rund 50 Besucherinnen und Besucher verwies Sausgruber auch auf „extreme Fensterchancen“, die sich zeitweise in der Politik ergeben könnten, wie beispielsweise den Illwerke-Aktienkauf 1995. Damals konnte das Land das Paket des Bundes erwerben, was heute viele Vorteile mit sich bringe. Diese Chancen müssten dann aber auch ergriffen werden.

Bewusstseinsbildung über Verteidigung

Hinsichtlich der Handlungsfähigkeit der Europäischen Union fand der 76-Jährige eindringliche Worte. Diese sei „extrem wichtig“, betonte er, und verwies etwa auf den Sicherheitsbereich. Aufgrund der aktuellen Vorgänge im Osten des Kontinents, also dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, sei die Naivität bereits zurückgegangen. Sich bei der Verteidigung aber nur auf die Amerikaner – Stichwort NATO – zu verlassen, sei ein “heißes Eisen”, nicht nur mit Blick auf den früheren US-Präsidenten Donald Trump. Sausgruber betonte: „Reich zu sein, aber sich nicht wehren zu können, ist nach dem Hausverstand ein gefährlicher Zustand.“ Es gehe ihm aber nicht darum, die österreichische Neutralität infrage zu stellen: „Sondern um die Bewusstseinsbildung, wie man Verteidigung organisiert.“ Österreich spiele in Europa zwar nicht die Hauptrolle, trage aber doch Verantwortung, sich damit zu befassen. „So weit wie es mit der Neutralität vereinbar ist, müssen wir etwas tun.“ 

Zu den aktuellen Vorgängen in Österreichs Politik wollte sich Sausgruber nicht äußern – also beispielsweise weder zur konkreten Arbeit der Bundes- oder Landesregierung, noch zu den Affären, in die vor allem ÖVP-Politiker verwickelt sind.