Energiesparen: Mit einem fetten Minus durch die mageren Zeiten

Die türkis-grüne Bundesregierung präsentiert ihre Energiespartipps.
Wien Elf Prozent weniger: Mit dieser Richtungsangabe der Bundesregierung zum Energiesparen geht es nun in den Herbst. Die Basis der Energiesparkampagne “Mission 11” bildet eine Untersuchung der Energieagentur. Demnach ist es privaten Haushalten im Durchschnitt möglich, bei Strom, Wärme, Mobilität und Warmwasser elf Prozent des derzeitigen Energieverbrauchs einzusparen. “Wir haben vier Millionen Haushalte in Österreich. Wenn wir alle an einem Strang ziehen, hat das Auswirkungen”, sagte Klimaministerin Leonore Gewessler (Grüne) am Montag bei dem Pressegespräch dazu. Die Maßnahmen sollen für “fast alle unkompliziert und ohne viel Geld in die Hand zu nehmen, zu Hause umsetzbar” sein.
Weniger heizen, abtauen, abdichten
Kleine Verhaltensänderungen könnten in Summe einen Unterschied machen, so die Ministerin. Die Regierung empfiehlt etwa, die Raumtemperatur zu senken, Fenster abzudichten, den Gefrierschrank abzutauen oder die Energiesparprogramme bei Waschmaschine und Geschirrspüler zu nutzen. Zusätzlich sei auch der Ausbau der Erneuerbaren Energien und der Umbau der Industrie hin zu nachhaltigen Produktionsprozessen notwendig.
Schon vorab scheint sich die Klimaministerin gegen mögliche Angriffe der Opposition entschuldigen zu wollen: Die Kampagne richte sich an alle, die auch die Möglichkeit zum Energiesparen dazu haben. Menschen, die wenig haben, seien nicht angesprochen. “Das ist zynisch”, betonte Gewessler.
Nicht nur Österreich, sondern ganz Europa befände sich in einer außergewöhnlichen Situation, sagte Gewessler. Im Moment werden 70 Prozent weniger Gas aus Russland geliefert. “Die Situation ist ernst”, bekräftigte auch Arbeitsminister Martin Kocher (ÖVP). Die hohen Energiepreise, vor allem der hohe Gaspreis, würden Haushalte und Unternehmen enorm belasten. Das österreichische Unternehmen Lenzing hat vor Kurzen erst verkündet, Produktionslinien einstellen zu müssen. “Das ist kurzfristig eine Gefahr. Aber ich erwarte das nicht großflächig”, sagte Kocher dazu. Der Arbeitsminister erwähnte in diesem Zusammenhang eine mögliche Unterstützung durch Kurzarbeit, falls das notwendig sei.
Gemeinsames Vorgehen
Viele der vorgestellten Tipps zum Energiesparen hat man schon im Hinterkopf. “Wir sind in keiner Situation des Informationsdefizits. Die Menschen wissen das. Trotzdem ist es notwendig, in der Situation der Krise auch über vermeintlich banale Maßnahmen zu reden und sie als gemeinsames Vorgehen zu verkünden”, sagt Umweltökonomin Sigrid Stagl von der Wirtschaftsuniversität Wien den VN. Damit werde das Signal gesendet, dass gemeinsam viel zu schaffen ist.
“Nun gilt es das alles zu ergänzen und zu erweitern. Aber es soll ja in der Folge auch verpflichtende Maßnahmen geben. Aber diese gesetzlichen Grundlagen muss die Regierung ja erst einmal schaffen”, so Stagl weiter. Im Prinzip bewertet die Expertin den vorliegenden Katalog aber als “gut austariert”. Natürlich gibt es noch viele weitere Ideen, die aber nicht alle Haushalte betreffen. Als Beispiel nennt Stagl den alten, nicht mehr energieeffizienten Kühlschrank im Keller.
Gut bewertet sie zudem, dass als erste Maßnahme drin steht, auf öffentliche Verkehrsmittel umzusteigen. “In den Medien ist hauptsächlich rezipiert worden, dass mit dem Auto langsamer gefahren werden soll”, nimmt sie auch die Berichterstattung in die Pflicht. Der Hebel sei überall umso größer, wo nicht nur leicht adaptiert wird, sondern eine Verhaltensänderung vorgenommen wird.
Langfristiges Ziel der Energiewende
“Mir fehlen die positiven Zukunftsversionen”, ergänzt die Ökonomin. Schon vor dem russischen Angriffskrieg in der Ukraine war es nicht nur aus Klimaschutzgründen sinnvoll, nicht mehr auf Kohle und Gas zu setzen, erinnert Stagl: “Die Fossilen wurden von den Erneuerbaren betriebswirtschaftlich geschlagen.” Nun sei es wichtig, die Kapazitäten von Erneuerbaren Technologien auszubauen, denn aktuell werden viele Solarpanele aus China importiert. “Wir sollen auch aus dieser Krise lernen und uns nicht in die nächste Abhängigkeit begeben.”
Sozial-ökologisch ist nun ein Weg möglich, mit dem alle aktuellen Probleme adressiert werden können. Aber das passiere nicht von alleine. “Bei allem Rückenwind für die Klimaagenda erleben wir auch drastische Rückschritte.” Dazu gehört etwa, dass Atomkraftwerke und Kohlekraftwerke plötzlich die Retter in der Krise sind. “Die kurze Frist, während der sie eingesetzt werden, muss genau definiert werden.” Die Einstufung von Gas und Atomkraft als grüne Technologie in der EU-Taxonomie bezeichnet die Wissenschafterin als “Kardinalsfehler”.
Energieeffizienzgesetz
Von den Umweltorganisationen Greenpeace und Global 2000 kommt Lob, sie pochen jedoch auch auf die Umsetzung eines Energieeffizienzgesetzes. Die Regierung arbeite daran, hieß es beim Pressetermin. Auch ein Paket von verbindlichen Maßnahmen werde aktuell im Klimaministerium ausgearbeitet, dieses müsse dann aber noch in der Koalition diskutiert werden. Auf nationaler Ebene stoße man außerdem an gewisse Grenzen, deshalb erwartet die Energieministerin Vorgaben auf EU-Ebene.