Ruf nach Milliarden: Fragen und Antworten zur Causa Wien Energie

Was bereits zur finanziellen Schieflage des Stromversorgers bekannt ist und was nicht.
Wien, Schwarzach Der Energieversorger Wien Energie ist in finanzielle Turbulenzen geraten und braucht Hilfe. Um welche Summen es genau geht, ist noch nicht ganz klar. Vorerst werden es wohl kurzfristig zwei Milliarden Euro sein. Die Hintergründe sind auch noch nicht endgültig geklärt. Es folgt ein Überblick, was bekannt ist und was nicht.
Wie viel Geld braucht Wien Energie?
Zu Wochenbeginn hieß es, dass die Stadt Wien von einem weiteren Das ist nicht ganz klar. Zu Wochenbeginn hieß es, dass die Stadt Wien von einem weiteren Finanzierungsbedarf von bis zu sechs Milliarden Euro ausgehe. Das Unternehmen könne, um künftige Lieferverträge zu besichern, die aktuell erforderliche Summe von 1,75 Milliarden Euro mit Hilfe der Stadt aufbringen. Die finanziellen Spielräume seien aber erschöpft. Später kamen andere Beträge zur Sprache. Derzeit geht es jedenfalls kurzfristig um zwei Milliarden Euro. So akut wie ursprünglich gedacht, bis Dienstagmittag, war es dann aber nicht. Die Verhandlungen dauerten an. Die Stadt Wien will jedenfalls einen Rettungsschirm für die gesamte Branche, wie es ihn etwa auch in Deutschland gibt. Der Stadtrat Peter Hanke thematisierte eine mögliche Summe von bis zu zehn Milliarden Euro.
Warum ist der Energieversorger überhaupt in finanzielle Schieflage geraten?
Finanzminister Magnus Brunner (ÖVP) sprach am Dienstag von mutmaßlich spekulativen Geschäften. Es lägen noch nicht ausreichend Informationen vor, Wien Energie sei aber riesige Verpflichtungen eingegangen, die das Unternehmen jetzt nicht erfüllen könne. Wien Energie stellte Spekulationsvowürfe umgehend in Abrede. Im VN-Gespräch verweist der Ökonom und Jurist Stephan Schulmeister darauf, dass noch nicht wirklich alles offengelegt sei. Im Raum stünde, dass Wien Energie bei sogenannten Termingeschäften an der Börse viel mehr Strom verkauft habe, als es produziere und diese Verkäufe nicht ausreichend absicherte.

Um was geht es dabei konkret?
Bei Termingeschäften bietet ein Verkäufer ein Gut, etwa Strom, zu einem bestimmten Preis zu einem zukünftigen Zeitpunkt an. Käufer und Verkäufer müssen entsprechende Sicherheiten für das Geschäft hinterlegen, um schwankende Preise aufzufangen. Schulmeister nennt als Beispiel ein Geschäft um 300 Euro pro Megawattstunde Strom. Steige der Preis aber plötzlich auf 700 Euro, verlange die Börse vom Verkäufer eine viel höhere Sicherstellung für den Fall, dass der Verkäufer zum höheren Preis nicht liefern könne. Wird es wie geplant abgeschlossen, gibt es diese Sicherstellung zurück. Das nennt man Margins. Bei sinkenden Preisen läge es am Käufer, diese zu hinterlegen. „Für mich ist dies das Grundproblem, warum Wien Energie auf den Märkten so hohe Lieferverpflichtungen eingegangen ist“, sagt Schulmeister. Der Ökonom kritisiert dabei generell: „Ich halte das System, von dem wir hier sprechen, grundsätzlich für unsinnig.“ Immerhin handle es sich beim Strom um ein dringend benötigtes Gut, ähnlich wie Wasser, das überhaupt nicht an der Börse gehandelt werden sollte.

Warum haben andere Stromversorger wie illwerke vkw keine ähnlichen Probleme?
Auch mit Blick auf diese Frage verweist Schulmeister darauf, dass noch nicht alle Fakten vorlägen. Er hält aber fest, dass in Wien ganz andere Voraussetzungen bestünden als etwa in Tirol und Vorarlberg. Es seien sehr viel mehr Menschen zu versorgen als in den anderen Bundesländern. „Gleichzeitig hat Wien nur wenige Kraftwerke, und die werden mit Gas betrieben.“ Der Westen verfüge über zahlreiche Wasserkraftwerke, die Tiwag, der Tiroler Energieversorger, und die illwerke vkw könnten viel mehr Strom produzieren. In der Situation wäre es auch für Wien Energie schwieriger, seine Geschäfte nicht auch über die Börse abzuschließen, sondern nur über bilaterale Verträge mit anderen Versorgern. Dieser außerbörsliche Handel wird OTC genannt, „over the counter“ (auf deutsch: „Über den Tresen“). „Das machen die meisten Landesgesellschaften so, da sie weniger Bedarf haben und weil sie wohl auch vorsichtiger sind“, erklärt der Experte.
Wie geht es nun weiter? Kommt es zu einem Schutzschirm wie in Deutschland und der Schweiz?
Das ist nicht klar. „Irgendeine Art von Absicherung wird es unbedingt brauchen, das haben alle österreichischen Energieversorger erklärt. Schritt eins ist nun erst einmal die Notbremse“, meint Schulmeister. „Schritt zwei wäre, und das hat Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bereits angekündigt, das gesamte Das ist offen. „Irgendeine Art von Absicherung wird es unbedingt brauchen, das haben alle österreichischen Energieversorger erklärt. Schritt eins ist nun erst einmal die Notbremse“, meint Schulmeister. „Schritt zwei wäre, und das hat Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bereits angekündigt, das gesamte Strompreismodell in Europa neu zu denken.“ Am europäischen Strommarkt werde die Preisexplosion mit dem Einsatz von Gaskraftwerken begründet. Deren Produktionskosten sind wegen des Krieges in der Ukraine stark gestiegen. Dem Experten zufolge könnten aber auch Billigstromproduzenten (Wasser, Solar, Wind) durch ihre Angebote darauf abzielen, dass immer auch einige Gaskraftwerke benötigt werden. Denn dann kassierten sie den hohen Börsenpreis.