Tierärztliche Versorgung steht auf der Kippe

Politik / 20.08.2022 • 05:00 Uhr
Mittelfristig wird es weniger Großtierpraktiker geben, die sich unter anderem auch um Kühe kümmern. <span class="copyright">APA</span>
Mittelfristig wird es weniger Großtierpraktiker geben, die sich unter anderem auch um Kühe kümmern. APA

Angebot für Landwirtschaft und Nutztiere könnte verlorengehen.

Schwarzach Es komme wie das Amen im Gebet. Davon ist Robert Griss, Präsident der Tierärztekammer in Vorarlberg, überzeugt. “Wir werden die tierärztliche Versorgung im landwirtschaftlichen Bereich verlieren.” Auch Agrarlandesrat Christian Gantner (ÖVP) erklärt, dass wir “mittelfristig zu wenig Großtierpraktiker haben”, also jene Tierärzte, die sich etwa um Kühe oder Pferde kümmern. Zwar gäbe es genügend Fachkräfte, sagt Griss. Mit Blick auf Arbeitsbedingungen und -pensum betont er aber: “Es will kein Tierarzt mehr in die Landwirtschaft, in die Nutztierpraxis einsteigen.” Er fordert finanzielle Unterstützung. 

37 Praxen und Kliniken in Vorarlberg

In den vergangenen Jahren öffneten in Vorarlberg nur wenige neue Tierarztpraxen, wenngleich ausreichend Absolventen der Veterinärmedizin gezählt werden. Die wenigen Praxen, die neu dazugekommen sind, widmen sich dem Kleintierbereich, erklärt Gantner in einer Anfragebeantwortung. “Neue Großtierpraxen sind in den letzten Jahren eigentlich nicht mehr dazugekommen, allerdings konnten zumindest die vorhandenen Praxisgemeinschaften von Großtierärzten neue Mitarbeitende gewinnen.” Insgesamt gibt es in Vorarlberg 37 Tierarztpraxen und Tierkliniken mit 71 Tierärzten, davon acht Großtierpraxen mit acht Ärzten sowie 16 gemischte Groß- und Kleintierpraxen mit 30 Ärzten. Bis zum heutigen Tag sei Vorarlberg also gut versorgt, sagt Gantner. “Allerdings gibt es auch bei den Tierärztinnen und -ärzten das Problem, dass mittelfristig ein großer Teil in den Ruhestand übertreten wird.”

Tierärztliche Versorgung steht auf der Kippe
„Für drei bis vier Besuche ist ein Kollege acht bis zehn Stunden unterwegs”, sagt Robert Griss.

Darauf macht auch Robert Griss aufmerksam. “Das Durchschnittsalter der Kollegen im Nutztierbereich liegt bei 58, 59 Jahren.” Es kündigen sich viele Pensionen an, was vor allem in den Talschaften und für abgelegenere Bauernhöfe folgenreich wäre: “Wer soll sich dann um sie kümmern?” Dabei gehe es nicht nur um das Tierwohl, sondern auch um Lebensmittelsicherheit. “Es ist ein gesamtgesellschaftliches Problem.” Die Tierärzte seien wichtige Partner für die Bauern, sagt auch Gantner. “Nur gesunde Tiere sind der Ursprung gesunder regionaler Produkte.”

Griss ortet vor allem Nachholbedarf bei der Entlohnung. “Das kann man attraktiver gestalten”, vor allem, wenn es um Wochenenddienste und Nachtarbeit gehe. “Die Kollegen im Nutztierbereich arbeiten eigentlich 360 Tage im Jahr, oft zehn bis zwölf Stunden pro Tag.” Sich die Dienste aufzuteilen, sei schwierig, Anstellungen weiterer Tierärzte in der eigenen Praxis kaum leistbar. Es brauche finanzielle Zuschüsse. Diesbezüglich befinde man sich mit Land und Landwirtschaftskammer im Austausch. “Festes Ziel ist, dass es bis Oktober eine Entscheidung geben muss.”

Keine Kostenwahrheit

Gantner ist zuversichtlich, dass “wir eine gute und nachhaltige Lösung finden”. Man denke über mehrere Ansätze nach. So könnten etwa Gemeinschaftspraxen finanziell unterstützt werden. Überlegungen deuten auch in Richtung Stipendien für Veterinärmediziner. “Die große Stoßrichtung muss sein, dass wir mehr Geld aus öffentlichen Mitteln in das System reinbringen.” Attraktivere Rahmenbedingungen seien ausschlaggebend, zumal die Zahl der Bauern sinke und die Tierärzte für immer weniger Aufträge immer weitere Strecken zurücklegen müssen. “Für drei bis vier Besuche ist ein Kollege acht bis zehn Stunden unterwegs”, rechnet Griss vor. “Wir können das gar nicht in Rechnung stellen, weil auch Landwirte und Bauern immer weniger verdienen.” Die Kostenwahrheit gehe verloren.